Schlagwort: Dekonstruktion

Kanonisierung – Live! –— Kultur, Subkultur, Gegenkultur und die Macht des Rezipienten

Da ist es schon wieder. Das böse K.-Wort. Angesichts eines – wie immer in erstaunlicher Regelmäßigkeit stattfindenden – Jahrzehntwechsels erklingt es hier und dort, in Feuilletons, Fachzeitschriften, Foren und Social Networks. Kanon hier, Kanon da, Kanon überall: Die besten Filme des Jahrzehnts, die besten Alben des Jahrzehnts, die besten Bücher des Jahrzehnts und neu hinzugekommen – der kulturellen Etablierung sei Dank – die besten Videospiele des Jahrzehnts. Seit mehreren Jahrtausenden vitaler Menschheitskultur gilt immer noch der Grundsatz: es gibt nicht nur den Kulturschöpfer, sondern auch den Kulturkategorisierer, Bewerter, Kritiker, summa summarum, den aktiven Kulturrezipienten. Gebt uns Wertungen, gebt uns Kritiken, die Emporhebung und Vernichtung von Werken und gebt uns selbstverständlich auch Listen!

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Die besten Filme 2014: Force Majeure – Höhere Gewalt, traditionelle und dekonstruierte Rollenbilder

Gott oh Gott, wo sind wir da nur reingeraten! Wir hätten ja eigentlich ahnen müssen, als die Dekonstruktivisten und Postmodernen sich auf den Feminismus, die Geschlechtstheorie und Sexualitätsforschung gestürzt haben, dass da nichts gutes dabei rauskommen kann. Spätestens als dann Judith Butler um die Ecke kam und die Binarität der Geschlechter rundheraus in Frage stellte, war Hopfen und Malz verloren. Und wo sind wir jetzt gelandet? Keine klaren Kategorien mehr, Jungs die rosa tragen und mit Einhörnern kuscheln, Mädchen in Jeans mit kurzen Haaren, die sich an der Weltrettung versuchen… und dazwischen ein Haufen armer, alter, weißer Männer, die jeden Tag weiter unter die Räder kommen. Geschlechterkategorien wurden gesprengt und werden wohl nie wieder zu retten sein. Goodbye, holde Weiblichkeit, goodbye kraftstrotzende Männlichkeit, hallo du postmoderne Dystopie für jeden binär denkenden, auf feste Rollenmuster stehenden Menschen. Gibt es noch Hoffnung für die Frauen, die einfach nur gerettet und vom maskulinen Prinz auf einem Pferd davon getragen werden wollen? Gibt es noch Hoffnung für die Männer, die ganz klassisch ihre Männlichkeit beweisen, indem sie ihrer Angebeteten die Welt vor die Füße legen und ihr anschließend so viel Sicherheit geben, dass sie nicht mehr für sich selbst denken muss? Vielleicht. Vielleicht braucht es nur eine kleine Katastrophe, ein wenig Höhere Gewalt (2014), um auf diese Grundbedürfnisse aufmerksam zu machen und die überlebenswichtige Grundordnung wieder herzustellen… vielleicht aber auch nicht.

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Harry Potter, Hitler und Appeasement: Der Zauberlehrling und das britische Trauma

Nicht mehr lange… Bald ist es so weit. Wenn Mitte Juli mit Harry Potter and the Deathly Hollows 2 der endgültig letzte Film über Hogwarts, Harry Potter und Lord Voldemort in den Kinos anläuft, wird damit eine Fantasyserie beendet, die Leser und Kinogänger in den letzten zehn Jahren permanent in Atem hielt. Die Erlebnisse des Schülers, Zauberlehrlings und Auserwählten sind bereits jetzt schon so etwas wie Literaturgeschichte, haben eine riesige Fankultur um sich versammelt, Autorin J.K. Rowling reich gemacht und zahllose Untersuchungen des Phänomens provoziert. Die Mythologie, die Religion, die klassischen Fantasy-Bezüge… Dabei lässt sich Harry Potter problemlos (und mit viel Spaß) ganz konkret beinahe zeitgenössisch lesen: Nämlich als Verarbeitung eines großen britischen Traumas der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Vom europäischen Schicksalsjahr 1914 über die Deutschlandpolitik der 30er Jahre, den Zweiten Weltkrieg bis hin zu 1945 und dem Schlussstrich unter die Verwirrungen der europäischen „Moderne“. Harry Potter und Lord Voldemort, Großbritannien und Adolf Hitler, Appeasement und Krieg… Parallelen und Analogien: Spoiler ahead!

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