Schlagwort: Drama

Die besten Teenager-Filme der 80er Jahre II

Ein zweiter Blick auf die Jugendfilme der 80er Jahre. Ich war ja kurz in Versuchung Revenge of the Nerds (1984) aufzunehmen, habe dann aber doch zurückgezogen, denn der spielt erstens im College-Milieu (ist also trotz Teenie-Zielpublikum eher weniger ein Teenager-Film) und ist zweitens dann doch ein wenig zu trashy, um hier wirklich als Meisterwerk aufgeführt zu werden (ganz zu schweigen vom dämlichen deutschen Titel „Die Rache der Eierköpfe“). Nee, hier soll es hochwertig bleiben und so gibt es statt alberner College-Komödien (von denen die 80er echt mal überfüllt waren) sensible Wohlfühlromantik aus Frankreich in La Boum – Die Fete, schräge Musical-Unterhaltung mit ordentlich Hairspray, den Club der toten Dichter minus Pathos in Heaven Help us und auch zweimal die dunklen Seiten des Teenager-Lebens: Einmal vertreten in der pechschwarzen Killer-Satire Heathers, hierzulande auch als Lethal Attraction bekannt, und einmal in Form des authentischen – und ziemlich pessimistischen – Punk-Teenager-Porträts Das Messer am Ufer. Der Sprung vom angenehmen Feel-Good-Movie über das problembewusste Drama bis hin zur düsteren Komödie sollte klappen, nach dem Klick.

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Die besten Teenager-Filme der 80er Jahre I

Let’s go Subgenre… Während in den 50ern Liebesfilme, Komödien und auch Tragikomödien oft als klassische Screwball-Comedies für und mit Erwachsenen inszeniert wurden, entdeckte das Kino – vor allem das Amerikanische – bereits in den 70ern die Teenager nicht nur als Zielgruppe sondern auch als Protagonisten für sich. Dies mündete schließlich in die legendäre Flut an Teenager-Filmen im Laufe der 80er Jahre, die in den 90ern wieder einigermaßen verebbte, um den Slackern und Gangstern Platz zu machen. Diese Welle der Coming-of-Age Movies ist dominiert von zahllosen schlechten Teenie-Komödien, die meistens irgendwie John Hughes nacheiferten, der mit Breakfast Club, Pretty in Pink und Ferris macht blau Maßstäbe für das Genre setzte. Aber auch das Drama entdeckte den pubertierenden Protagonisten für sich, im ersten Artikel der Retrospektive vertreten durch Francis Ford Coppolas artifiziellen Rumble Fish und den herrlich nostalgischen, im Grunde genommen eher präpubertären Stand by me. Aber auch andere Genres fanden sich im Teenager-Format wieder. Das soll in den Teilen zwei und drei noch einmal intensiver berücksichtigt werden, einen kleinen Vorgeschmack gibt es jedoch bereits an dieser Stelle mit dem familiengerechten Action/Coming-of-Age-Hybriden Karate Kid, der trotz aller kultigen Sillyness auch als empathisches Jugend-Drama zu begeistern weiß.

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Die besten Liebesfilme der 80er Jahre III

Einmal greifen wir noch in die Vollen des romantischen Kinos und einmal noch werfen wir dabei auch einen Blick weit über den großen Teich, direkt hinein in die Erzeugnisse der amerikanischen Traumfabrik. Es gab in Hollywood mit Sicherheit bessere Jahrzehnte für Liebesfilme als die 80er Jahre… und doch stammen aus der Zeit so manche zeitlose Klassiker, die auch heute noch die Rezeption wert sind. Ein Offizier und Gentleman ist einer davon, ebenso das große Afrika-Epos Jenseits von Afrika. Auch Die fabelhaften Baker Boys stehen für perfekte amerikanische Filmunterhaltung. Ein wenig europäischer wird es mit der äußerst gelungenen Kundera-Verfilmung Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins und mit dem wundervollen Teenie-Drama Pauline am Strand kommen wir schließlich doch wieder beim herausragenden französischen Kino der 80er Jahre an. And last but not least: Ein schwungvolles, berührendes literarisches Gesellschafts- und Liebesporträt made in Britain in der vorzüglichen Literaturverfilmung Zimmer mit Aussicht. Liebe und Romantik im Zeichen der 80er Jahre, die letzte. Nach dem Klick.

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Die besten Liebesfilme der 80er Jahre II

Nachdem ich im letzten Artikel ordentlich auf die Arthaus-Kacke gehauen habe, folgen nun die weitaus traditionelleren, romantischeren und auch prototypischeren Liebesfilme, sowohl in Gestalt der Screwball Komödie, als auch in Gestalt des poetischen Liebesdramas, aber auch in Gestalt des abstrakten Kunstfilms. Und ja verdammt, diese Schnulzen können auch heute noch alle ungemein unterhalten. Keine Scham für das entzückte Seufzen zum Balztanz Dirty Dancing, keine Reue über das Lächeln und die Träne im Auge zu den romantischen Komödien Roxanne, Mondsüchtig und Harry und Sally. Und kein schlechtes Gefühl beim Erschlagenwerden von den pathetischen Liebsreflexionen in Liebe bis in den Tod und Vorname Carmen. There will be Kitsch, there will be Romance, there will be Love, Baby!

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Die besten Liebesfilme der 80er Jahre I

Es musste ja irgendwann wieder so weit kommen… Das Genre, mit dem ich immer Probleme habe, in dem ich mich oft, viel zu oft ein wenig unwohl fühle. Liegt es an meinem fehlenden Romantik-Gen, an der extremen Kitsch-Allergie oder daran, dass Liebesgeschichten im Kino für meinen Geschmack oft all zu peinlich und rosarot erzählt werden? Ich weiß es nicht, habe aber auch in den 80ern das Beste versucht, aus der riesigen Fülle an mittelmäßigen Romantik Flicks die Perlen herauszufischen. Hier kommt die erste Fuhre: Düster verkopftes Kunstkino in Black Out und Ein kurzer Film über die Liebe, episch Dekadentes in Gefährliche Liebschaften, sowie politisch und sozial Durchsetztes in Reds. Traditionell romantisch dagegen arbeitet Die Waffen der Frauen und findet dennoch originelle Ansätze, um sich von der durchschnittlichen Konkurrenz abzuheben. Um das zu erreichen kann man es auch gleich wie Woody Allen in Hannah und ihre Schwestern machen, indem man nicht nur eine, sondern gleich ein Dutzend (Liebes-)Geschichten erzählt und so unangestrengt Arthaus-Anspruch mit wohltemperierter romantischer Unterhaltung verbindet. Wie gesagt, nicht mein Genre… und dementsprechend sind meine Lieblingsfilme auch die, die aus den Grenzen des Herzschmerz ausbrechen.

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Die besten Epen und Historienfilme der 80er Jahre III

Einen über Episches und Historisches aus den 80ern habe ich noch, auch dieses mal mit gewisser Schubladen- und Kategorien-Unschärfe. Natürlich ist Highlander dann doch auch ziemlich viel Fantasy-, Action- und Blockbuster-Kino. Natürlich ist Fitzcarraldo auch irgendwie Abenteuerfilm und Drama. Natürlich kann man über die Historizität von Am Anfang war das Feuer streiten. Und natürlich ist Au revoir, les enfants in erster Linie eine Tragödie historischen Ausmaßes gespiegelt in einem sehr persönlichen Kindheitsporträt. Zumindest auf das epische Moment von Die Bounty können wir uns einigen, oder? Auch wenn sich da natürlich wiederum eine Diskussion über die Qualität von Roger Donaldsons Historienepos anbietet. Well, ohne Streit wäre es ja auch ziemlich langweilig.

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Die besten Epen und Historienfilme der 80er Jahre II

Nachdem wir uns im letzten Artikel doch primär in mittelalterlichen und archaischen Gefilden bewegt haben, geht es nun mitten hinein in die Historie der Neuzeit. Angefangen bei der Genie-Epoche und bei den großen klassischen Musikern Wolfgang Amadeus Mozart und Niccolò Paganini, die sehr eigenwillige nichtsdestotrotz mitreißende Biografien spendiert bekommen -, über den Freiheitskampf in Indien von Gandhi, den Kampf gegen die Apartheid in Schrei nach Freiheit bis hin zum Leben von Pu Yi, Der letzte Kaiser Chinas. Und einen kleinen Schlenker in die Antike gibt es dann auch noch: Die letzte Versuchung Christi als eigenständige, originäre Interpretation des Martyrium von Jesus Christus. Es wird eigenwillig, anders, stilverliebt… und vor allem episch. Nach dem Klick.

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Kritik und Analyse zu Joker (2019) – Comicverfilmung als New Hollywood Thrillerdrama

Früher war alles besser. Da durften Regisseure noch Filme gegen den Strich des klassischen Hollywood-Erzählkinos bürsten, durften harte und ungewöhnliche Stoffe verfilmen und erhielten dafür trotzdem kritische Anerkennung und gewannen sogar das Mainstreampublikum für sich. Da gelangten alles andere als bekömmliche Filme in die großen Multiplexkinos und wurden mit dem Label „New Hollwood“ geadelt: Scorsese, Polanski, Kubrick, Spielberg… die durften sich austoben und dennoch die Kassen der Studios klingeln lassen. Früher war alles besser: Da musste ein Film sich noch nicht einer überpolitisierten Kritikerschar stellen, keiner moralischen Instanz, durfte auch politisch inkorrekt und verantwortungslos sein, musste nicht auf PG 13 gebürstet werden.. Früher war alles besser. Da gab es noch kein Internet, keine sozialen und assozialen Netzwerke, kein 4chan, 8chan, 237chan, kein Youtube und keine Hobbykritiker, die bei Rotten Tomatoes Seite an Seite mit Profis wie Roger Ebert standen. Keine langen Diskussionen, kein Zerpflücken der Kunst, keine poststrukturalistische Denke und keine Metatextualität. Einfach nur gute Filme. Früher war alles besser.

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Die besten Epen und Historienfilme der 80er Jahre I

Was einen guten Film zu einem guten Historienfilm macht, liegt ja eigentlich so ziemlich auf der Hand: Das historische Sujet. Der Schritt zum Epos ist da schon etwas diffiziler. Natürlich könnte man es sich leicht machen und einfach von Monumentalfilmen sprechen, doch damit bekommt man letzten Endes auch nur eine sehr eingeschränkte Genreschublade geboten, die automatisch primäre Assoziationen zu dem großen Monumentalfilm der 50er und 60er Jahre à la Ben Hur weckt. Gerade historisch akkurate oder aber auch fantastische, parabolische und surreale Werke mögen da kaum so richtig ins Bild passen. Also ganz kurz ein wenig Schubladenkunde, um meinen Begriff des Epos – des epischen Films – einigermaßen zu rechtfertigen.

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Die besten Abenteuerfilme der 80er Jahre II

Weiter geht es mit den besten Abenteuerfilmen der 80er Jahre, dem letzten Jahrzehnt, in dem dieses Genre tatsächlich noch eine gewisse Relevanz sowohl für Arthaus- und Independent- als auch das große Blockbuster-Kino hatte. Wer weiß, vielleicht erleben wir ja demnächst doch noch einmal ein etwas größeres Revival abseits von lahmen Piratenfilm-Ablegern. Bis dahin denken wir wehmütig an die gute alte Zeit zurück, als Indiana Jones und der letzte Kreuzzug sowie die Jugendversion des Abenteuer-Popcorn-Kinos Die Goonies Fantasy, Epik und Action perfekt unter einen Hut brachten, als Mosquito Coast, Greystoke und Wenn die Wölfe heulen sich in Zivilisationskritik und Überhöhung des natürlichen, kreatürlichen Leben übten, und die Zeit in der Im Rausch der Tiefe die Standards für ein beeindruckende Naturaufnahmen und herausragende Kameraführung neu definierte. So viel Nostalgie muss sein…

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Die besten Filme 2016: Moonlight von Barry Jenkins

Es ist der Strand Miamis, der alles in dem Triptychon Moonlight (2016) zusammenhält. Drei Schlüsselszenen sind es, die an diesem Strand spielen und dem Leben Chirons, dem Protagonisten dieses ebenso fantastischen wie zersplitterten Films eine klare Kontur geben. Am Strand lernt „Little“ Chiron (Alex R. Hibbert) von seinem Ersatzvater, dem Drogenhändler Juan (Mahershala Ali) als Zehnjähriger das Schwimmen. Am Strand macht der sechszehnjährige Chiron (Ashton Sanders) seine ersten sexuellen Erfahrungen. Und ein Strand ist es, den wir auch in der letzten Szene noch einmal sehen, noch einmal im Blick des erwachsenen Chiron (Trevante Rhodes), durch die Augen des Kindes, hinaus ins Meer und schließlich zu uns Zuschauern. Der Strand ist in Moonlight immer Sehnsuchtsfläche und Hoffnungsschimmer. Die Offenheit des Meeres, der kühle Wind und das Mondlicht, in dem – wie Juan Chiron erklärt – Schwarze aussehen, als hätten sie blaue Haut. Es sind Momente purer Schönheit, purer Idylle, die dieser Strand immer wieder repräsentiert; Momente des Innehaltens und Einatmens. Momente, in denen sich die Sorgen und Probleme des Lebens kurzzeitig auflösen und bloßer Kontemplation Platz machen. Und Sorgen und Probleme hat Chiron, der Protagonist des Films, mehr als genug.

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Die besten Filme 2017: Das baskische Historiendrama „Handia“ (Giant)

Größe ist relativ. In der Wirklichkeit wie im Film. Ein Historienepos kann pompös, kraftmeierisch und atemberaubend daherkommen, in seinem Inneren bei genauerer Betrachtung jedoch eine gähnende Leere offenbaren, die es in sich zusammenfallen lässt. Zugleich kann ein historischer Stoff als leises, poetisches Drama ohne Subtext, ohne tiefergehende Ebene erzählt werden, hinter seinem zurückhaltenden Ästhetizismus jedoch wahre parabolische Größe verstecken. Das spanische Handia (2017) – international als „Giant“ vermarktet – fällt in die zweite Kategorie. Er ist subtil, verlässt sich ganz auf seine ruhigen Bilder, erzählt seine Geschichte ohne große inhaltliche Triebfeder, mag dabei sogar etwas konservativ daherkommen, offenbart aber hinter seiner unscheinbaren Fassade wahre poetische Größe, die ganz und gar zeitlos ist. Das Historiendrama von Aitor Arregi und Jon Garaño atmet den Geist des europäischen Autorenkinos längst vergessener Zeiten, ist in seiner Suche nach dem perfekten Bild, jenseits jeglicher ästhetischer oder narrativer Subversion, fast schon radikal anachronistisch, findet aber bei all seinem inhaltlichen Straucheln genau in den richtigen Momenten genau den richtigen Ton, um zur zeitlosen, aus der Zeit gefallenen Fabel zu werden.

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Die besten Erotikfilme der 80er Jahre

Keine Sorge, wir kommen im Text gleich zu den besten Erotikfilmen der Dekade, aber ich möchte diese Einleitung trotzdem noch kurz von einer anderen Seite aufziehen: DU! Ja genau, DU bist gemeint! Du brauchst dich gar nicht so verschreckt hinter deinem Monitor zu verstecken. DU hast „Erotikfilme“ gegoogelt, vielleicht auch „Die besten Erotikfilme“ meinetwegen auch „+80er +Erotikfilm„, meinetwegen auch über Bing oder Yahoo gefahndet, aber das ist eigentlich auch zweitrangig. Denn DU hast nach Erotikfilmen und nur nach Erotikfilmen gesucht (keine Sorge werte Stammleserschaft, die ihr ohnehin jeden Artikel anklickt, ihr seid nicht gemeint)! Das ist eigentlich auch kein Problem – es sei denn du hattest die Hoffnung auf irgendwelche illegalen Porno-, oder Erotikstreams, aber das ist ein anderes Thema. Es ist schließlich ein offenes Geheimnis, dass die Erotikfilm-Artikel auf dieser Seite immer am meisten Page Impressions ernten. Die Sache ist nur, diese machen nur einen geringen Teil dieser Seite aus (irgendwo im 0,x% Bereich). Und es gibt hier so viel mehr zu entdecken. So viel mehr Genres, so viel mehr Filme, so viel mehr Rezensionen.

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Die besten Filme 2018 – Climax von Gaspar Noé

Nach wenigen Minuten in seinem neuen Film Climax (2018) gibt Gaspar Noé dem Publikum bereits die Möglichkeit zur Flucht. Kaum haben wir beigewohnt, wie eine junge Frau, halb lachend halb weinend in den Schnee gefallen ist, rollen auch schon die Endcredits, inklusive Hinweis darauf, dass diese Geschichte auf realen Ereignissen basierte. Wir könnten jetzt aufstehen, den Kinosaal verlassen, beziehungsweise Netflix schließen, und alles wäre gut. Diese Möglichkeit zur Flucht wird es nach ungefähr einer Dreiviertelstunde noch einmal geben. Wieder die Liste der Beteiligten, eine Verbeugung vor dem Soundtrack und Black. Wer danach immer noch sitzen bleibt, hat es wohl nicht anders verdient. Denn immerhin handelt es sich hierbei um einen Film von Gaspar Noe, DEM Enfant Terrible des französischen Avantgardekinos, der auch Mitten im Film – genauer gesagt bei seinem dritten Start, aber vor seinem zweiten Ende (ja, so was macht bei diesem Regisseur auf eine schräge Weise Sinn) – noch einmal verkünden darf, wie stolz er darüber ist, dass es sich bei Climax um einen französischen Film handelt, und dass er natürlich alle Amerikaner ficken wird. Noé steht seit jeher für ein Kino der Extreme; und dass er dieses Mal gleich zwei Mal die Chance zur Flucht liefert, könnte man fast als eine Form der Altersmilde interpretieren. Aber auch nur fast; denn nach seinem letzten Film, dem verkopften Love (2015) haut er hier wieder voll auf die Kacke.

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Liebe – Glaube – Hoffnung –
Die Paradies-Trilogie von Ulrich Seidl

Ulrich Seidl gehört zu den letzten großen Avantgardisten des deutschsprachigen Kinos, er ist ein Extremist mit Kamera, der hinter nacktem, bisweilen brutalem Naturalismus große Themen versteckt, der sich nicht zu schade dafür ist einen pseudodokumentarischen Überbau zu benutzen, um dahinter große gesellschaftliche, politische und philosophische Themen zu verhandeln. So gelang es ihm in Hundstage (2001) Wien und seine Einwohner bis auf den menschlichsten allzu menschlichsten Kern zu entblättern und anhand trister Lebensbilder ein großes, urbanes Panorama zu entwerfen. Und so konnte er auch in Import Export (2007) einen Clash of the Cultures als Bühne für tiefe humanistische Fragen benutzen. Auch in seiner Paradies-Trilogie verfolgt Seidl dieses Prinzip und geht dabei bereits titeltechnisch in die Offensive: Das hier „Größeres“ erzählt werden soll, steht wohl außer Frage, wenn die drei Filme mit dem Paradies-Präfix gemeinsam den ersten Korintherbrief des Paulus zitieren, als Dreierbund die traditionellen christlichen Tugenden benennen und zudem noch Richtung Ödön von Horváth und dessen Drama Glaube Liebe Hoffnung (1932) schielen. Aber gibt es auch eine Verbindung zwischen den Filmen jenseits der Verbundenheit der Titel? Und wie funktionieren sie als einzelne Werke? Ein Blick auf einen cineastischen Kosmos zwischen Dokumentation und Transzendenz, zwischen Porträt und Satire, zwischen tristem Alltag und großen Drama:

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Once upon a time in Hollywood… – Quentin Tarantino der Märchenonkel

Once upon a time… Der Titel von Quentin Tarantinos – nach selbstgewählter Zählweise – neuntem Film sagt bereits, wohin die Reise geht. Tarantino schreibt schon lange keine Geschichten mehr, er schreibt Geschichte um. So ließ er in Inglorious Basterds (2009) in einem fulminanten, komplett von der Realität entfremdeten, Showdown, Hitler und all seine Nazischergen in einem Massaker umkommen, so ließ er in Django Unchained (2012) einen einsamen schwarzen Helden auf radikale Weise die Sklaverei mit einem Handstreich zerstören und so feierte er in The Hateful Eight (2015) in einem dramatischen Blutbad die Versöhnung zwischen dem schwarzen und dem weißen Amerika. Tarantino ist schon lange nicht mehr einfach nur der postmoderne Brutaloprovokateur, er ist viel mehr so etwas wie der Märchenonkel des postmodernen Referenzkinos. Und im Grunde genommen war er das schon immer. Hat er nicht bereits in Kill Bill die Kinogewalt praktisch unter einer Tonne Comicsauce begraben? Hat er nicht bereits in Pulp Fiction und Jackie Brown aus dem Gangsterkino eine Nummernrevue gemacht, inklusive Tanz- und Gesangseinlagen? Und hat er nicht selbst bereits in seinem Debüt Reservoir Dogs das Narrativ über dem Geschehen triumphieren lassen, indem er Zeit einfach zu erzählter Zeit werden ließ. Das mag etwas verklärt und zurecht gerückt wirken, aber wie könnte man auch anders, wenn er in Once upon a time in Hollywood (2019) derart selbstverständlich wie ein Märchenonkel daherkommt. Es war einmal… und das ganz ohne Zynismus und derbe Note… Naja… fast… schließlich handelt es sich hier ja immer noch um Quentin Tarantino.

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Die besten Filme 2017: A Ghost Story

Der Philosoph und Filmtheoretiker Gilles Deleuze arbeitet in seinen Werken Kino I und II mit den Konzepten des Bewegungsbildes beziehungsweise des Zeitbildes. Ersteres sieht er im traditionellen Film aus der Frühphase des Kinos verwirklicht, während zweiteres seiner Ansicht nach im modernen und postmodernen Film wie dem italienischen Post-Neorealismus oder der französischen Nouvelle Vague umgesetz wird. Das Zeitbild steht dabei für eine Filmtechnik, in der Zeit nicht mehr einfach chronologisch erzählt wird, sondern als Panorama, „ein instabiles Ensemble von freischwebenden Erinnerungen und Bildern einer Vergangenheit im Allgemeinen, die in schwindelerregendem Tempo vorüberziehen, als ob die Zeit eine tiefgründige Freiheit gewinnen würde.“ Dabei würde eine anarchische Mobilisierung der Vergangenheit als Reaktion auf die Bewegungsunfähigkeit der filmischen Protagonisten stattfinden. Es darf an dieser Stelle durchaus kritisch hinterfragt werden, ob die europäischen Arthaus-Filmemacher der Moderne tatsächlich konsequent diesen Ansatz verfolgten, oder ob nicht viel mehr Deleuze als postmoderner, poststrukturalistischer Philosoph ihnen dieses Konzept aufdrückte. Was außer Frage steht, ist die Tatsache, dass viele Filmschaffende nach den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts (zu deren Beginn die beiden Bände erschienen waren) sich von diesem Konzept inspirieren ließen. Regisseure wie Béla Tarr, Terrence Malick oder Gus Van Sant versuchten dieses Konzept nicht nur zu verstehen, sondern auch zu radikalisieren, indem sie ihre – mitunter ohnmächtigen – Protagonisten vom Zeitfluss überwältigen ließen und diesen von allen filmischen Konventionen befreiten: Allerdings weniger im schwindelerregenden Tempo als viel mehr in radikal schmerzhafter Langsamkeit: In dieser Langsamkeit wird Zeit ihrer Dynamik beraubt und zu einem essentiellen, grausamen aber zugleich auch ungeordneten Vollstrecker. So wie sie stillzustehen scheint, so bewegt sie sich doch gnadenlos fort und begräbt alles unter sich, was in der Filmhandlung verborgen liegt. Dieses Zeitbild-Konzept scheint auch David Lowery mit seinem Fantasydrama A Ghost Story (2017) zu verfolgen; ein leiser poetischer und zugleich brutal erdrückender Film, in dem die Zeit wie ein zäher Mahlstrom dahinfließt.

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Die besten Filme 2018: Mid90s von Jonah Hill

Laut der 20-Jahr-Regel für kulturelle Revivals bewegen wir uns in Zyklen von ungefähr – oder ziemlich genau – 20 Jahren, nach denen vergangene kulturelle Epochen wiederentdeckt werden. Zumindest für das späte 20. und frühe 21. Jahrhundert sind diese kulturellen Wiedergänger ziemlich offensichtlich. Die 70er Jahre wiederbelebten den Rock N Roll Spirit der 50er Jahre und dienten wiederum als Blaupause für die frühen 90er Jahre, die zudem das 70er Slasher-Genre wieder aufleben ließen. Und wer könnte das enorme 80er Revival der frühen 2000er vergessen, in dem so ziemlich alles aus der damaligen Zeit wieder aufgewärmt wurde, vom Postpunk bis zum Zombie- und Splatterkino. Dieses 20-Jahr-Revival schien aber deutlich länger anzudauern als die vorherigen. Das wäre im Grunde genommen nicht so schlimm, ließe dafür nicht das große 90er-Revival so lange auf sich warten. Wie viele andere in den frühen – oder mittlern – 80ern Geborenen sehne ich mich gefühlt schon viel zu lange nach dem großen Comeback von Grunge, Alternative Rock und Skate- und Surfpunk (während ich auf das Eurodance- und Nu-Metal-Revival gut und gerne verzichten kann). Aber nichts da. Stattdessen schienen Serien wie Stranger Things, Filme wie Driver und Produkte wie das NES Classic Mini die 80er Nostalgiewelle endlos weiter auszudehnen. Mehr noch, die frühen 90er wurden beim nächsten Revival anscheinend einfach übersprungen, klopfen doch mit Serien wie – dem äußerst kurzlebigen Netflix-Produkt – Everything Sucks (2018) bereits die mittleren und späten 90er Jahre zaghaft an. Nun gut, man nimmt, was man kriegen kann. Besser ein halbes Revival als gar keins; vor allem wenn es so realistisch und einnehmend daherkommt wie Jonah Hills Regiedebüt Mid90s (2018). Das betont in seinem Titel bereits derart aggressiv seinen Revivalcharakter, dass es allein das Zeug hat, die 80er-Nostalgie ein für alle mal zu beenden.

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Kurzrezensionen Die Haut in der ich wohne, Womb, Wrecked

Dreimal das Sujet Identität, jedes Mal auf vollkommen andere Weise verarbeitet: Während der Film von Pedro Almodóvar Die Haut in der ich wohne (2011) auf ästhetizistische, hocherotische Bilder setzt, bewegt sich Womb (2010) in den kargen, minimalistischen Gefilden klassischer Arthaus-Dramen. Und die Direct-to-DVD-Produktion Wrecked (2011) wiederum versucht sich in der Tradition, dunkler, verwobener amerikanischer Mindfuck- und Survival-Thriller. In welchem Genre hat die Thematik die Nase vorn, welchem Film gelingt es, dem Stoff neue Blickwinkel abzutrotzen, und welches Werk geht mit dem schweren Thema baden? Drei Filme, drei Rezensionen, ein Motiv: Cineastische Identitätssuche und Selbstfindung nach dem Klick…

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…Wie im Himmel so auch auf Erden. – Rezension zu „The Tree of Life“ von Terrence Malick (2011)

Der Pathos, der Ästhetizismus und das Epische haben Einzug gehalten im internationalen Arthaus-Kino. Einen großen Anteil daran dürfte unter anderem Lars von Trier haben, der in den 00er Jahren erst sukzessive, später immer radikaler von seinem minimalistischen, naturalistischen Dogma95-Konzept abgerückt ist, zu Gunsten von großen Kamerafahrten, epischen Slow-Speed-Zeitlupen und großen Opern-Arien. Das Wunderkind des New Hollywood Terrence Malick indes war schon immer pathetisch. Egal ob in seinem elegischen 70er Jahre Klassiker Badlands (1973), in der schwelgerischen Gegenüberstellung von Krieg und Natur in Der schmale Grat (1998) oder zuletzt im metaphysischen Bilderbogen The New World (2005). Der mittlerweile fast 60jährige Regisseur kann in seiner Vita gerade mal sechs Langfilme aufweisen, die allerdings auch allesamt – jeder auf seine eigene Weise – eine Transzendentalisierung des Sujets, Mediums und Publikums versprechen. Da scheint es nur konsequent, dass er seinen neusten Streich, sein „persönliches Werk“ The Tree of Life (2011) mit einem metaphysisch, religiösen und holistischen Rahmen ausstattet, der wiederum alle Grenzen des traditionellen Erzählkinos sprengen soll. Ist er dieses Mal zu weit gegangen? Ist seine Religion/Natur-Exegese zu stilverliebt, zu metaphysisch, universalistisch? Im Gebet hoffen wir auf eine Antwort…

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