News of the World (2020) – Monumentales Kino für eine kinolose Zeit

2020 war ein merkwürdiges Kinojahr. Ein nicht vorhandenes Kinojahr für den Großteil des Publikums und für die Produktions- und Distributionsseite ein Kinojahr, das vor allem für eine Menge Kopfschmerzen verantwortlich war. Wohin mit den Filmen, wenn die Lichtspielhäuser leer bleiben? Zumindest im Falle von News of the World (2020) von Paul Greengrass war die Antwort klar: So schnell wie möglich in die Wohnzimmer. Schon vor dem US-Kinostart der von Universal produzierten Verfilmung eines Romans von Paulette Jiles erhielt Netflix den Zuschlag für die internationale Verwertung… und fackelte nicht lange. Kinostart, Dezember 2020; Netflix-Veröffentlichung Februar 2021. Dabei ist News of the World durchaus ein Film, der im Kino gut aufgehoben wäre: Ein episches Westerndrama mit Starbesetzung, opulenten Bildern und einer emotionalen Geschichte, die nach den Academy Awards dürstet. Gerade bei einem solchen Film ist es merkwürdig, ihn im intimen Rahmen der eigenen vier Wände zu sehen. Merkwürdig und auch ziemlich deprimierend. Nicht nur, weil es einen schmerzlich daran erinnert, wie sehr das ganz traditionelle Kinoerlebnis im letzten Jahr gefehlt hat, sondern auch weil er mit seinem Setting in der weiten texanischen Prärie und der Geschichte von reisenden, suchenden und gegeneinander kämpfenden Menschen ein Bild von Gesellschaft evoziert, dass in den letzten Monaten in Home Offices, hintern Bildschirmen und vor Zoom-Meetings und Skype-Calls verloren gegangen ist. Vielleicht sogar noch verstärkt dadurch, dass er mit einer Reise in eine weit zurückliegende Vergangenheit verbunden ist.

Ins Jahr 1870 um genau zu sein. Dort reist der konföderierte Bürgerkriegsveteran Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) durch das von Krieg aufgewühlte und der Aufbruchsstimmung der Pionierzeit geprägte Texas. Seinen Lebensunterhalt verdient sich der alte, vom Sezessionskrieg traumatisierte Mann, indem er in von der amerikanischen Infrastruktur noch weitestgehend abgeschnittenen Siedlungen aus der Zeitung die Neuigkeiten aus Amerika und der Welt vorliest. Bei einem Zwischenstopp in der Prärie stößt er durch Zufall auf die deutschstämmige elfjährige Johanna (Helena Zengel). Diese hatte vor vielen Jahren ihre Familie verloren, als diese bei einem Überfall der Kiowa Indianer getötet wurde. Seitdem lebte das Mädchen bei den Kiowa, lernte ihre Sprache und Gebräuche und hat keinen Bezug mehr zur US-Amerikanischen Gesellschaft und keinerlei Kenntnisse der englischen Sprache. Die Unionsarmee überträgt Kidd die Verantwortung, Johanna zu ihren letzten noch lebenden Verwandten zu bringen. Und so zieht das ungleiche Paar gemeinsam los durch ein von Bürgerkrieg, Misstrauen und Hass geprägtes Texas. Eine Reise, die beide mit den schlimmsten Abgründen des jungen wilden Westens konfrontiert und nachhaltig verändern wird.

Nicht erst seit der Präsidentschaft Donald Trumps gibt es in konservativen, ländlichen Gebieten Amerikas – insbesondere in denen der ehemaligen Südstaaten – das Narrativ, dass die arroganten Stadtbewohner von der Küste, allen voran Hollywood, nur mit Verachtung und Abscheu auf die ungeliebten Hilbillys und Rednecks herabblicken. Und ganz von der Hand zu weisen ist dieser Vorwurf nicht, insbesondere wenn er durch Filme wie Neues aus der Welt unfassbar viel Munition erhält. Der ländliche Südwesten den Paul Greengrass hier zeichnet, ist ein Moloch, in dem alles an menschlichem Abschaum vorkommt, was man sich nur vorstellen kann. Aggressive, ungebildete Hinterwäldler, Päderasten, die nur auf die richtige Gelegenheit warten, sich an einem kleinen Kind zu vergehen, religiöse Fanatiker, Rassisten, White Supremacists, Mörder und Gewalttäter… Gerade so als wolle er eine Checkliste der Klischees über die ehemaligen Konföderierten abhaken, bringt Greengrass ein Stereotyp nach dem anderen. Natürlich wird dabei auch mit tiefem politischen Ernst und ohne Augenzwinkern auf die Konflikte unserer Zeit geschielt. Der von Hanks verkörperte Kidd ist ein Aufklärer in einer unaufgeklärten Welt. Er hält die Fackel der Freiheit und Demokratie hoch und bringt diese mit der stärksten Waffe, die man sich vorstellen kann, zu den texanischen Hinterwäldlern: Mit der vierten Gewalt, den Medien, der freien Presse, die auch mit einfachen Geschichten – wie dem Kampf verschütterter Bergarbeiter ums Überleben – dazu in der Lage ist, den Funken der Freiheit zu entfachen. Ob man darauf mit Begeisterung, Zynismus oder Verärgerung reagiert, hängt wohl auch vom politischen Lager ab, in dem man sich verortet. News of the World jedenfalls macht aus seiner Haltung kein Geheimnis, versucht es gar nicht erst auf die subtile Art und scheint damit als Zielpublikum vor allem jene im Auge zu haben, die sich bei seinem Gesellschaftsbild in ihrem Gesellschaftsbild bestätigt fühlen.

Aber ein wenig eindimensionales Sittengemälde darf sich dieses Westerndrama durchaus erlauben, gelingt es ihm doch dieses in einer durch und durch hochklassischen Inszenierung unters Volk zu bringen. Die visuelle Ebene von News of the World ist einfach nur atemberaubend: Auf äußerst organische Weise wechseln sich epische Landschaftsaufnahmen, die die Größe und Einsamkeit der Prärie einfangen, mit dichten Nahen ab, bei denen den Menschen, die dieses weite Land bevölkern, dicht auf den Leib gerückt wird. So abgedroschen es klingen mag, die Natur ist hier immer auch Spiegelbild der Seele: Ein Ort des Aufbruchs und der Hoffnung, ein Ort der versprochenen Abenteuer, aber auch ein Ort der Enttäuschung, der Desillusionierung und ein Ort des Schmerzes und des Hasses. Mindestens ebenso stark wie die visuelle ist die auditive Seite des Films: James Newton Howard steuert einen subtilen, die Atmosphäre sachte verstärkenden Score bei, der sich perfekt in die atemberaubenden Bilder hineinwebt, sich nie in den Vordergrund drängt und so im besten Sinne des Wortes irgendwann einfach vergessen wird, während er im Hintergrund die emotionale Ebene des Films immer mächtiger werden lässt. Und dann sind da natürlich noch die Darsteller. Tom Hanks spielt den Veteranen Kidd mit einer brillanten Mischung aus Altersweisheit, hinter nüchternem Auftreten verborgenem Weltschmerz und einer immer wieder überraschenden Kämpfernatur. Klar, dass er dabei oft wieder das von ihm nur zu gut bekannte sympathische Grummelprogramm abzieht, er gibt der Figur aber genug Nuancen, dass sie immer mehr ist als eine weitere Tom Hanks Oscarbait-Rolle. Der Star des Films ist aber ohne jeden Zweifel die deutsche Nachwuchsdarstellering Helena Zengel. Hat diese schon in Systemsprenger (2019) mit ihrer Präsenz praktisch alles wegdominiert, gibt sie hier ihren Hollywood-Einstand. Und was für ein Einstand dies ist! Neben Tom Hanks zu bestehen, ist eine Sache. Ihn aber teilweise an die Wand zu spielen, eine komplett andere. Zengels Johanna besitzt den gesamten Film über eine unfassbar mitreißende innere Spannung, die permanent im Clinch mit einem introspektiven Auftreten liegt; und damit stiehlt sie ihrem erfahrenen Kollegen mehr als einmal die Show.

Nicht nur die herausragende Präsentation sorgt dafür, dass die eindimensionale Note des dargestellten Gesellschaftsbildes verschmerzbar ist. Sie scheint sogar gerechtfertigt, wenn man sich den Kontext des Films betrachtet. Unter seinem pathetischen Oscar-Bait-Gewand ist News of the World ein Film, der eine Menge Wut in sich trägt, die er hervorragend in das historische Setting einpflanzt. Natürlich ist Greengrass‘ Werk auch ein Kommentar auf unsere Zeit, auf Problemfelder des heutigen Amerikas. Und bei aller fehlenden Ambivalenz, die in der Zeichnung der Antagonisten, denen Kidd und Johanna auf ihrem Weg begegnen, offensichtlich wird, tut diese Wut auch verdammt gut. Es gibt mehr als genug Gründe, den Film als Propaganda abzutun, als Propaganda gegen politische Starrköpfigkeit, gegen einen radikalen Konservatismus, als Propaganda gegen ein bizarres Misstrauen, dass jeder Form von Presse, Öffentlichkeit und Humanität entgegengebracht wird. Und bei Gott, braucht Amerika diese Form der Propaganda gerade! Nicht nur die Welt von News of the World befindet sich in einem unausgesprochenen Kriegszustand, auch die US-Gesellschaft dieser Tage tut dies. Und die demokratische, offene, progressive Seite hat die Füße viel zu lange still gehalten, während die Propagandisten und Populisten von rechts lauter und lauter, aggressiver und aggressiver wurden. News of the World ist auch so etwas wie ein Rückschlag Hollywoods. Und ganz ehrlich, Propaganda wird der Traumfabrik von der Rechten ohnehin schon seit Jahren vorgeworfen: Da reicht es bereits einen Schwarzen zum Protagonisten eines Star Wars Films zu machen, ein Ghostbusters-Reboot weiblich zu besetzen oder Trans-Personen im Kino mehr Platz einzuräumen. Wenn die Gegenseite ohnehin ständig den kulturellen Krieg ausruft, ist es vielleicht auch einfach mal nötig, auf die Rückzugsgefechte und das permanente Verständnis zu verzichten. News of the World scheint jedenfalls ein Ausdruck dieser Haltung: Er will nicht verstehen, warum bestimmte Menschen so sind, wie sie sind. Aber er nutzt in seinem epischen, traditionellen Setting immer wieder die Gelegenheit diese Menschen anzuklagen. Wenn Kidd zum Überbringer der Aufklärung wird, wenn er nach Gewalt lechzende Räuber mit einer Ladung Kleingeld niederstreckt, durch die Beschwörung der Arbeitersolidarität in einer autoritär beherrschten Siedlung einen Tumult und gar eine Revolte auslöst, dann schreit Hollywood so gut es kann seinen Zorn gegen das rechtspopulistische Amerika heraus. Und wenn die bei Indianern aufgewachsene Johanna bisweilen als der einzige zivilisierte Mensch in einer Western-Vorhölle zu sein scheint, zerschießt News of the World den White und National Supremacists ihre Vorurteile mit einer Menge emotionalem Schrot. Fraglich, ob damit jemand erreicht wird, dessen Weltsicht dies diametral entgegensteht, aber Hölle tut das gut, diese Weltsicht auch mal etwas weniger subtil in einem großen Kinogemälde verewigt zu sehen!

Neues aus der Welt ist kein absolutes Meisterwerk. Dafür ist er zu eindimensional, vielleicht auch ein wenig zu sehr Stationendrama, Road Trip, der stringent Motiv nach Motiv abarbeitet. Wahrscheinlich ist er dann auch doch ein wenig zu sehr Hollywood, um wirklich subversiv und wütend zu sein. Und natürlich ist er komplettes Oscar Bait Material: Vom historischen Setting, über die opulente Inszenierung, über die vorsichtigen politischen Einsprengsel (nie zu konkret, um nicht die allgemeine humanistische Botschaft zu überdecken), über das persönliche menschliche Drama bis hin zu… naja… Tom Hanks. In einer kinolosen Zeit kommt aber dieses für die Academy entworfene Kinogemälde genau richtig: Als Erinnerung daran, dass wir die großen cineastischen Eskapaden der Traumfabrik trotz aller Flaws irgendwie doch vermissen, als Erinnerung daran, dass auch gefällige Epen politisch und sogar subversiv sein können, und einfach als Erinnerung daran wie begeisternd ein edel gestalteter, professioneller Film ganz allgemein sein kann. Zur Not dann eben auf Netflix, immer noch besser als gar nichts…

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