Schlagwort: Horror

Raw (2016) – Die böse Twilight-Zwillingsschwester

Ja, okay… so ein bisschen irreführend und clickbaity ist der Titel dieser Rezension ja schon. Passt damit aber auch hervorragend zum besprochenen Film. Raw (2016) machte nämlich keine halben Sachen, als es um seine Vermarktung ging. Da war von einem der schockierendsten Horrorfilme der letzten Jahre die Rede, da wurde von Menschen erzählt, die reihenweise das Kino verließen, weil sie mit dem Gezeigten nicht klarkamen, und es wurde sogar von Zuschauern berichtet, die während des Toronto Filmfestivals 2016 medizinisch behandelt werden mussten, da ihnen die expliziten Szenen zu heftig waren. Mit diesem Vorwissen in der Hand kommt man gar nicht drumherum, Julia Ducournaus Kinodebüt mit einer gewissen Portion Skepsis zu begegnen, zumal die Zeit der New French Extremity mittlerweile fast zehn Jahre zurückliegt und eine ihrer größten Ikonen – Gaspar Noé – in seinen letzten Filmen durchaus eine Abwendung vom Extremen um jeden Preis und eine Zuwendung zu metaphysischen und panoramischen Themen erkennen ließ. In der Tat lässt sich Raw in vielen Bereichen der New French Extremity oder Nouvelle Vague des französischen Horrors zuordnen. Zugleich ist er aber alles andere als eine extreme, kontroverse Gewaltorgie, wie es die derbsten Filme dieser Zunft waren. Das liegt nicht zuletzt daran, dass er eine Menge aktuellerer Einflüsse mit an Bord hat, namentlich Mechanismen aus dem – Achtung, Buzzword! – derzeit so viel zitierten Post Horror, ganz konkret dem Slow Burning Horror amerikanischer Bauart. Und da das im Titel dieser Rezension zitierte Märchen auch schon über zehn Jahre alt ist, darf beruhigend hinzugefügt werden: Mit den Teenie/Fantasy/Romanzen der späten 2000er und frühen 2010er Jahre hat Raw ebenfalls wenig gemein, auch wenn ihm die Verquickung von Coming-of-Age und Fantastischem sichtlich am Herzen liegt.

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Rezension zu The Hole in the Ground (2019)

Das Kind (James Quinn Markey) sitzt da und schaufelt einfach nur Spaghetti in sich hinein. Schlürfend, gierig aufziehend, so wie ein Achtjähriger eben Spaghetti isst. Aber seine Mutter (Seàna Kerslake) beobachtet ihn misstrauisch. Ist das überhaupt noch ihr Sohn? Hat sich ihr Sohn jemals so verhalten? Warum kann er sich nicht an Geschehnisse aus ihrer Vergangenheit erinnern? Und wenn es nicht ihr Sohn ist, wer oder was ist er dann? Wechselbälger sind seit jeher ein Alptraum für Eltern. Die Angst, dass das Kind plötzlich nicht mehr das eigene ist: Ausgetauscht, untergeschoben von bösartigen Waldgeistern, um die Eltern in den Wahnsinn zu treiben. Dahinter stehen nicht nur Sagen und Legenden sondern auch ein durch und durch reales Krankheitsbild, das Capgras-Syndrom, das bei Betroffenen dazu führt, dass sie ihnen nahestehende Personen plötzlich für Doppelgänger halten. Gerne auch ihre eigenen Kinder oder eigenen Eltern. Und damit wären wir auch schon bei der Crux des irischen Horrorfilms The Hole in the Ground (2019):

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It Chapter One (2017) – oder, wie leicht es manchmal ist, bei den besten Horrorfilmen des Jahres zu landen

Ach ja, es hätte so schön werden können… Wenn es einen Roman gibt, der eine zweite Verfilmung verdient hat, ja sogar eine zweite Verfilmung benötigte, dann ist es Stephen Kings bizarres Meisterwerk It (1986). Wenn es eine Horrorminiserie gibt, die dringend ein Remake brauchte, dann dessen gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 1990. Vieles ist damals schief gelaufen, viel Potential wurde damals an die Konventionen des sauberen, allzu sauberen TV-Marktes verschenkt. Dabei besitzt Es so viele Ingredienzen, die den Stoff geradezu prädestinieren, zu einem düsteren Post-Horrorfilm unserer Zeit zu werden: Die Verquickung von Coming-of-Age-Drama mit absurdem Horror, die großartigen Bilder, die damals vom King of Horror literarisch entworfen wurden, und die so schienen, als bräuchte es verdammt viel Mut und Größenwahn, sie adäquat für die Leinwand umzusetzen. Die Tatsache, das King-Stoffe gerade einen zweiten Frühling erleben und endlich in gelungenen Filmen umgesetzt wurden… Es hätte so schön werden können. Und dann hat sich das ganze Projekt selbst in die Nesseln gesetzt. Daran ändern auch die vielen positiven Kritikerstimmen und das äußerst erfolgreiche Box Office Ergebnis nicht. Was tatsächlich Potential hatte, eines der spannendsten Horrorprojekte der letzten Jahre zu werden ist zu einer mittelschweren Enttäuschung geworden; kein Desaster, aber knapp daran vorbei; viel zu knapp für all das Potential, das in diesem Bastard geschlummert hat.

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Die besten Filme 2018 – Climax von Gaspar Noé

Nach wenigen Minuten in seinem neuen Film Climax (2018) gibt Gaspar Noé dem Publikum bereits die Möglichkeit zur Flucht. Kaum haben wir beigewohnt, wie eine junge Frau, halb lachend halb weinend in den Schnee gefallen ist, rollen auch schon die Endcredits, inklusive Hinweis darauf, dass diese Geschichte auf realen Ereignissen basierte. Wir könnten jetzt aufstehen, den Kinosaal verlassen, beziehungsweise Netflix schließen, und alles wäre gut. Diese Möglichkeit zur Flucht wird es nach ungefähr einer Dreiviertelstunde noch einmal geben. Wieder die Liste der Beteiligten, eine Verbeugung vor dem Soundtrack und Black. Wer danach immer noch sitzen bleibt, hat es wohl nicht anders verdient. Denn immerhin handelt es sich hierbei um einen Film von Gaspar Noe, DEM Enfant Terrible des französischen Avantgardekinos, der auch Mitten im Film – genauer gesagt bei seinem dritten Start, aber vor seinem zweiten Ende (ja, so was macht bei diesem Regisseur auf eine schräge Weise Sinn) – noch einmal verkünden darf, wie stolz er darüber ist, dass es sich bei Climax um einen französischen Film handelt, und dass er natürlich alle Amerikaner ficken wird. Noé steht seit jeher für ein Kino der Extreme; und dass er dieses Mal gleich zwei Mal die Chance zur Flucht liefert, könnte man fast als eine Form der Altersmilde interpretieren. Aber auch nur fast; denn nach seinem letzten Film, dem verkopften Love (2015) haut er hier wieder voll auf die Kacke.

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Die besten Horrorfilme 2017 – It Comes at Night

Wenn etwas nachts kommt, dann ist es vor allem die Dunkelheit. Vielleicht auch die Einsamkeit, die quälende Beschäftigung mit sich selbst, den eigenen Fehlern, den eigenen Entscheidungen mit all ihren fatalen Konsequenzen. Die Nacht ist der Blick in den Spiegel ohne den Spiegel, nicht der Blick in das eigene Antlitz, sondern der Blick in den schwarzen Abgrund, der sich dahinter verbirgt. Paul (Joel Edgerton) kennt diese Nächte, aber er fürchtet nicht das, was jede Nacht kommt, sondern das, was darüber hinaus kommen könnte. Denn dieses Etwas hat anscheinend den Großteil der Menschheit ausgerottet. Aber gerade weil er diesen äußeren Horror so sehr fürchtet, hat er vergessen, sich vor dem zu fürchten, was alltäglich / allnächtlich ist und vielleicht mindestens genau so destruktiv sein kann wie die unbekannte, ungenannte Seuche, die da draußen wartet.

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Ich seh Ich seh (2014) – Post Horror made in Austria

Es ist nicht so, dass wir Mitteleuropäer Genrekino nicht könnten, wir tuen es einfach zu selten. Es gibt eine gewisse Angst vor dem Genrefilm, insbesondere dem Horrorkino, die die deutsche und österreichische Filmlandschaft schon seit Jahrzehnten heimsucht. Dabei gibt es mit den expressionistischen Ikonen wie Wiene und Murnau eigentlich eine sehr ruhmreiche deutschsprachige Horrorfilmvergangenheit und auch Regisseure der Nachkriegszeit wie Werner Herzog haben bewiesen, dass wir Deutschen durchaus Horror auch in seiner fiktionalen Form können. In den letzten zwei, drei, wahrscheinlich eher vier Jahrzehnten begnügt sich der deutschsprachige Horrorfilm allerdings damit US-Vorbilder zu kopieren (z.B. der 2000er Slasher „Anatomie“) oder strebt mit bizarren Splatterorgien à la Jörg Buttgereit komplett vom großen Publikum weg. Dazwischen gibt es praktisch nichts. Entweder Indie-Trash, dem man sein fehlendes Budget in jeder Sekunde ansieht, oder platte Hollywoodkopien, die in jeder Sekunde „Love me, mainstream!“ zu schreien scheinen „Look, how I american I am!“. Irgendwie logisch, dass ein Gegenentwurf zu diesem trostlosen Genrebild aus einer anderen Ecke kommen muss, nicht von einem großen Studio mit ner Menge Budget in der Hinterhand, nicht aus einem kargen Hinterhof mit viel Kunstblut und einer „Leckt mich“-Attitüde. Und diese Erkenntnis ebnet dann den Weg für den Auftritt der österreichischen Filmemacherin Veronika Franz und ihrem Langfilm-Regiedebüt Ich seh Ich seh (2014), ein düsterer Horroralptraum vermählt mit Psychothriller, Familientragödie und bizarrem Arthaus-Tohuwabohu.

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Die besten Science Fiction Filme der 80er Jahre II

Genre-Hybriden sind einfach das Beste… Warum auch sich mit nur einer Schublade begnügen, wenn man es sich gleich in einem Dutzend davon gemütlich machen kann? Die folgenden 80er Science Fiction Meisterwerke jedenfalls springen munter zwischen den Stühlen: Von Horror und Science Fiction (Dreamscape) von Drama und Science Fiction (Enemy Mine, Cocoon), von Action und Science Fiction (The Terminator, Aliens), von „Was zur Hölle versuchst du mir zu sagen?“ und Science Fiction (Dune – Der Wüstenplanet); und lassen sich dabei dennoch alle wunderbar dem futuristischen, utopischen/dystopischen und prophetischen Genre zuordnen.

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Der Babadook (2014) – Post-Horror-Camouflage

Gehen wir mal kurz davon aus – und es spricht einiges dafür – dass die Kategorie Post Horror wirklich eine Berechtigung hat und nicht bloß Erfindung gelangweilter Filmkritiker ist. Dann ist eine seiner größten Stärken, dass er eigentlich klassische Dramenstoffe als Horrorfilm camoufliert erzählen kann. Praktisch die beste Möglichkeit, den ästhetischen Horizont cineastisch eingeschränkter Genre-Kinogänger um Geschichten zu erweitern, die diese sonst nicht einmal mit der Kneifzange anfassen würden: Die Probleme einer alleinerziehenden Mutter? Eine dysfunktionale Mutter-Kind-Beziehung und der Kampf darum, diese zu retten? Klingt nicht gerade nach dem passenden Stoff für Conjuring- und Saw-Fans. Jennifer Kents Der Babadook (2014) erzählt genau diese Topoi und verkleidet sich dabei so schamlos als klassischer Jump Scare Horrorflick, dass er zum Releasezeitpunkt durchaus so manche Kinobesucher ratlos zurückgelassen haben dürfte. Menschen, die einen klassischen Spukfilm mit ner Menge Erschrecken und schön für alle dargelegter übernatürlicher Erklärung erwarten, haben hier eher das Nachsehen, wer allerdings eine – mitunter surreale – Kombination aus Tragödie und Horror zu schätzen weiß, darf hier einen der aufregendsten Horrortrips der 2010er Jahre erleben.

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Horrorfilme der 80er Jahre: Was sonst noch so geschah…

Okay… ähnlich wie bei den Fantasyfilmen der 80er Jahre fühle ich mich geradezu dazu verpflichtet, diesen Artikel nachzuschieben, allein um darauf aufmerksam zu machen, was im 80er Jahre Horrorkino tatsächlich geschah und was dabei alles schief gelaufen ist. Immerhin habe ich stolze sechs Artikel zu den besten Filmen des Genres zusammengestellt und dadurch könnte doch der Eindruck entstanden sein, dass die 80er ein glorreiches Jahrzehnt für cineastischen Schrecken waren. Nope. Die große Anzahl der Best-Of-Artikel rührt primär daher, dass ich einfach mal Genre-Fan bin, Horrorfilme seit jeher liebe und entsprechend in großem Maße konsumiere. Und rein quantitativ müssten die 80er dann auch folgerichtig vollkommen mein Jahrzehnt sein. In wohl keiner anderen Dekade erblickten so viele Schocker, das Licht der Welt, in keinem anderen Jahrzehnt wurde so viel gemordet, gemetztelt und Furcht eingejagt.

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre: Warum Freitag der 13. nicht dazu gehört…

Neben Michael Myers und Freddy Krueger dürfte Jason Voorhees zweifellos zu den größten Ikonen des Slasher-Genres und des 80er Jahre Horrorkinos ganz allgemein gehören. Auf stolze zehn Teile hat es die Franchise bis heute gebracht, zuzüglich eines Mashups mit A Nightmare on Elm Street und eines Reboots, das 2009 die Geschehnisse um Jason Vorhees neu erzählte. Nicht erst seit der Adelung als Zitat in Wes Cravens Scream (1996) gehören das Original sowie seine aus der Art schlagenden 11 Fortsetzungen zum Slasher-Kanon und Dank der missglückten (und tödlichen) Quiz-Antwort von Drew Barrymore dürfte mittlerweile auch jeder wissen, dass der Mörder im ersten Teil Freitag der 13. (1980) von Sean S. Cunningham eben nicht Jason selbst sondern seine Mutter ist. Aber was hat dieser Beginn der Reihe – und Quasi-Beginn des 80er Slasher-Kinos -, was ihn zum vermeintlich zeitlosen Klassiker macht? Und warum wurde die ganze Reihe derart populär?

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre VI

Die besten Horrorfilme der 80er Jahre… Klappe die Sechste und Letzte. Wir verabschieden das Jahrzehnt mit einer ganz hochkarätigen Riege an wirklich, wirklich, wirklich abgefuckten Filmen. So dürfen nun auch die Surrealisten vorbeischauen, so zum beispiel Alejandro Jodorowsky, der sich bei Santa Sangre munter bei Hitchcock, Giallo, sich selbst und wahrscheinlich unzähligen LSD-Fantasien bedient. Oder Bigas Luna, der in Angustia die vierte Wand und die selbstzufriedene Sicherheit der Zuschauer komplett einreißt. Für weitere WTFs ist auch Pfui Teufel – Daddy ist ein Kannibale gut, der sich nicht so ganz für ein Genre entscheiden kann und deswegen gleich ein Dutzend davon in einem satirischen Horrortrip für sich vereinnahmt. Ebenfalls diffus, nicht nur im Hinblick auf die Genrewahl, ist Već viđeno, der gemeinhin als Klassiker des serbischen Horrorfilms rezipiert wird (was auch durchaus Sinn macht, weswegen er hier ebenfalls auftaucht), dabei aber in seiner politischen Mischung aus Kafkaeskem Wahn, Satire, Psychodrama, Psychothriller und Gore-Alptraum weitaus mehr ist als bloßes Genrekino. Zu guter Letzt gibt es mit dem Horror-Alligator doch noch etwas bodenständigeren, nichtsdestotrotz grandiosen, Tierhorror zu sehen. Also noch einmal Atem anhalten, Klicken und demnächst wieder in die Videothek rennen. Nicht nur die besten, sondern auch die ungewöhnlichsten Horrorfilme der 80er Jahre folgen nach dem Break.

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre V

Bald sind wir durch mit den Horrorfilmen der 80er Jahre… und ich habe wieder festgestellt, dass gerade dieses Genre in diesem Jahrzehnt bestens dazu geeignet ist Lächerlichkeit und Genialität aufeinanderprallen zu lassen. So ganz ohne Albernheiten und Peinlichkeiten kommen auch die nun genannten Filme nicht aus… und bewegen sich dennoch auf hohem bis höchstem Niveau. In Die Hand lässt Oliver Stone den menschlichen Körper Amok laufen, während dieser in Das Tier und Katzenmenschen gleich vollständig zu seinem animalischen Spiegelbild mutiert. Animalische Geschöpfe bilden auch in Wolfen die Hauptbedrohung, wenn auch geschickt durch Mystery und Ökothriller-Momente aufgebrochen. Und in dem B-Movie-Flick From Beyond drehen sowieso alle komplett am Rad: Menschen, Tiere, Dämonen… und feiern ein makaberes, groteskes Festival des Grauens. There will be blood, baby…

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre IV

In Teil vier darf es wieder etwas bissiger, gehässiger und auch blutiger zugehen… Für eine ganze Ladung Innereien und blutiger Schockeffekte sorgen der Kultfilm-Zwillingsbastard The Evil Dead sowie seine Fortsetzung Evil Dead 2, die hierzulande wohl am ehesten unter dem Titel Tanz der Teufel bekannt sein dürften. Ebenfalls bizarr und mit ner Menge Blut arbeitet die Gothic Novel Adaption Docteur Jekyll et les femmes, die alles andere ist als bloß eine weitere Schauergeschichte der Düsterromantik. Etwas ruhiger und subtiler hingegen ist John Carpenters Geister-Märchen The Fog – Nebel des Grauens, während Gremlins – Kleine Monster den Horror vergnügt zum Mainstreampublikum führt. And last but not least, An American Werewolf in London, der der eigentlich abgegessenen Werwolf-Thematik nicht nur neue Seiten entlockt, sondern darüber hinaus auch als verflucht guter Horrorschocker zu unterhalten weiß.

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre III

Wir pendeln weiter zwischen Hollywood-Grusel und Independent-Horror. In der dritten 80er Horror-Retrospektive wird es zumindest kurzfristig wieder „etwas“ braver, berechenbarer und vor allem familiengerechter. Mit Poltergeist stellen Steven Spielberg und Tobe Hooper unter Beweis, dass es durchaus auch so etwas wie die Family-Version des klassischen Horrors geben kann. Stephen King ist auch wieder zu Gast, dieses Mal mit dem Meisterwerk Shining, das der Autor der Vorlage dem ausführenden Regisseur Stanley Kubrick wohl nie verziehen hat und das zugleich die beste King-Verfilmung überhaupt ist. Surreal, ungewöhnlich und extravagant wird es im psychedelischen Höllentrip und den beiden Spät-Giallos Opera und Tenebrae, in denen Dario Argento sowohl ästhetisch als auch inhaltlich vollkommen spinnert, ungeniert am Rad drehen darf. Und für den Trash-Faktor sorgt der ausgesprochen vergnügte, nichts desto trotz beängstigende Zombie-Thriller Re-Animator.

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre II

Nachdem bei der letzten Horror-Retrospektive primär brav gruseliges bis episches Horrorkino dran war, drehen die nun auftauchenden Horrorfilme deutlich an den Daumenschrauben. Gleich zwei Index-Kandidaten, die damals der BPjM zum Opfer fielen, stehen heute auf dem Programm: Die Mörderischen Träume in A Nightmare on Elm Street und die wandelnden Toten in Day of the Dead waren offensichtlich zu viel für die prüden Sittenwächter von einst. Unblutiger und Traditioneller geht es dagegen in dem Gothic-Horror-Schinken Die Braut zu, während Fright Night sich munter vergnügt in der 80er Trash- und Mainstream-Ecke ausbreitet. Und Body- sowie Monsterhorror war in den 80ern natürlich auch noch ein großes Thema, in diesem Rückblick vertreten durch die so verschiedenen – und doch gleichermaßen polarisierenden – Regisseure David Cronenberg und Chuck Russell, die mit Die Fliege und The Blob auf unterschiedliche Art das Monströse zum Widerspiegel des menschlichen Scheiterns werden lassen.

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Die besten Horrorfilme der 80er Jahre I

Während es bei den Fantasyfilmen der 80er Jahre die schräge Albernheit ist, die die Filme von damals aus heutiger Sicht mitunter sehr befremdlich und lächerlich wirken lässt, ist es beim Horror-Genre mitunter der plastische und überzeichnete Gewaltanteil. Brutalität hatte diese Nische zwar schon in den 70ern zu bieten, aber erst in den 80er Jahren kam es – zumindest im Independent-Bereich – zu einer wahren Welle an Gore- und Splatter-Flicks. Während die Gewalt des 70er Jahre Kinos vor allem durch den Terror dominiert war, der in Filmen wie Texas Chainsaw Massacre (1974) weniger visueller als viel mehr inhaltlicher Natur war, standen im folgenden Jahrzehnt vor allem die explizite Darstellung im Mittelpunkt. Dabei ist diese Dekade keineswegs brutaler als die vorhergehende, viel mehr wurde das dystopische Moment der Gewalt zurückgeschraubt, um dafür blutigen, organischen Visualisierungen – vom gnadenlosen Realismus bis hin zur comichaften Überzeichnung – Platz zu machen. Gerade Letztere wiederum wirkt aus der heutigen Sicht mitunter albern, unseriös und alles andere als gruselig. Neben den zahllosen dreckigen Independent-Flicks gab es aber auch den ein oder anderen subtilen, traditionellen Horrorfilm. Ein Recht auf Beachtung verdienen beide Auslegungen des Genres und so pendeln wir in den folgenden Retrospektiven munter zwischen intelligenten Schauergeschichten und blutrünstigen BPjM-Zensur-Kandidaten.

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Jurassic World: Fallen Kingdom (2018) – Herrlich alberner Blockbustertrash

Das amerikanische Blockbusterkino der letzten fünf wenn nicht sogar zehn Jahre war fest in der Hand von Marvel. Natürlich gab es auch so manchen Spielberg-Hit und auch Star Wars feierte bekanntermaßen ein größeres Comeback, aber letzten Endes kamen die großen Blockbuster dann doch primär aus den Reihen der Superhelden und Superheldinnen. Das brachte zweifelsohne den Vorteil mit sich, dass das wirklich große Popcornkino in den 2010er Jahren gegenüber den davor liegenden Dekaden verflucht viel Qualität hinzugewonnen hat. Allerdings gab es auch einen entscheidenden Nachteil: Alle anderen Studios mit Blockbusterambitionen versuchten das Marvel-Erfolgsrezept zu kopieren. Das brachte neben einigen kläglichen Versuchen ein eigenes Cinematic Universe aufzubauen (*hust DC, *hust Universal Monster) vor allem viele nette, farbenfrohe aber ziemlich generische Nerd-Actioneers hervor: Viel Pathos, viel Bombast, bunte – aber nie zu grelle – Farben, eine Brise Selbstironie und eine gewisse Sterilität sind die Markenzeichen des Mainstreamkinos der Marvel-Ära. Und auch wenn man diese Mischung mag, kann sie doch sehr schnell sehr öde werden. Mit Endgame ist nun 2019 endlich Phase 3 der großen Saga abgeschlossen und man kann nur hoffen, dass sich sowohl Marvel als auch die Konkurrenz in Zukunft wieder etwas mehr einfallen lassen, um aus diesem schicken aber abgetragenen Korsett auszubrechen. Dass auch in Post-Marvel-Zeiten gegen den Strich gebürstete Blockbuster durchaus möglich sind, beweist nämlich Jurassic World: Fallen Kingdom (2018), der vordergründig in Gestalt eines epischen Spielberg-Blockbusters daherkommt, im Laufe seiner Spielzeit aber einige Asse aus dem Ärmel zaubert, mit denen im Jahr 2018 a.D. nicht unbedingt zu rechnen war.

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Die besten Horrorfilme 2019: Us/Wir von Jordan Peele

„Doppelgänger“, ein Wort, das aus dem Deutschen stammt und es in zahllose andere Sprachen geschafft hat. Von den Gebrüdern Grimm als „der einem andern so ähnlich ist dasz er leicht mit ihm verwechselt wird.“ definiert und bereits dort mit dem Gefühl des Entsetzens verknüpft. Spätestens in der Romantik war das Doppelgängermotiv fest verwurzelt mit Horror, Angst und Schrecken. Von Hoffmanns Elixiere des Teufels (1815) über Dostojewskis Doppelgänger, die Archteypisierung des dunklen Schattens durch Carl Gustav Jung bis hin zur Westworld-Fortsetzung Futureworld (1976) bis hin zu Denis Villeneuves Enemy (2013). Doppelgänger machen Angst, sind Herausforderungen für die Anthropologie ebenso wie für Religion und Spiritualität. Kultur- und medienwissenschaftlich scheinen sie vor allem ein Thema für die Psychologie zu sein, dabei können sie ebenso soziale und sogar politische Fragestellungen aufwerfen. Jordan Peele, der mit Get Out (2017) einen der politischsten Horrorfilme der letzten Jahre inszeniert hat, wagt sich mit Us (2019) an genau jenes Setup: Der Schrecken des Doppelgängers nicht bloß als intrinsischer Schrecken und psychologische Studie, sondern als groteske Horrorparabel. Und wer glaubt, Jordan Peele hätte mit Get out sein Pulver verschossen, was groteske, symbolische Horrorfilme betrifft, der sieht sich hier eines besseren belehrt. Us gelingt es nämlich tatsächlich noch einmal eine ganze Ecke besser zu sein als sein vielgelobter Vorgänger.

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Die besten Fantasyfilme und Märchen der 80er Jahre: Paperhouse – Alpträume werden wahr

Dass ich zu Paperhouse (1988) jetzt doch noch ein paar Worte über die Kurzrezension der ersten 80er Retrospektive hinaus verlieren muss, liegt daran, dass mich dieser Film als Kind entscheidend geprägt hat. Er war nicht der erste „Horrorfilm“, den ich gesehen habe, aber mit Sicherheit der, der mir auf längere Sicht die meiste Angst eingejagt, ja mich sogar bis in meine Träume verfolgt hat. David Cronenbergs Die Fliege (1986)? Pustekuchen. Die Miniserie Es (1990), die bei so vielen Horror-Zuschauern meiner Generation Ängste ausgelöst und Traumata verursacht hat? Lachhaft. Nein, mein persönliches Grusel-Trauma ist dieser Fantasy/Märchen/Psychoanalyse-Hybrid von 1988, und wenn ich meine Filmrezipienten-Vita durchstöbere, komme ich wohl sogar zu dem Fazit, dass kein Film – davor und danach – mir eine solche Angst eingejagt hat, wie diese Auseinandersetzung mit Traum, Alptraum und der beginnenden Pubertät.

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Die besten Horrorfilme 2017: mother! von Darren Aronofsky

So wirklich leicht hat es Darren Aronofsky einem nie gemacht, ihn einfach zu mögen. Dafür hat er sich seit jeher viel zu sehr dem großen Pathos, dem großen Symbolismus und der großen Erzählung verschrieben. So ganz ohne Welterklärung ging es nie bei ihm: Egal ob in seinem Low-Budget Mysterybastard Pi (1999) (die besten surrealen Filme der 90er Jahre), seinem epischen Sucht-Ensemblestück Requiem for a dream (2000) oder seinem opernhaften Balletthorror Black Swan (2010). Zuletzt schien er dann mit Noah (2014) vollends beim Religiösen und Spirituellen angelangt zu sein, dort wo er eigentlich von Anfang an hingehörte. Dabei offenbarte selbst dieses Bibelepos erstaunlich ansehnliche Seiten und war trotz allen Kitschs und aller unfreiwilliger Komik ein fantastischer Ritt durch den Weltuntergang. So wirklich leicht hat es Darren Aronofsky nämlich nie gemacht, ihn zu hassen. Der Mann versteht sein Handwerk, oszilliert gekonnt zwischen Mainstreamunterhaltung, Surrealismus und eben überambitioniertem Pathos und haut dabei dennoch immer wieder Filme heraus, die ebenso ärgerlich wie verführerisch sind. Und dann kommt jetzt dieser mother! (2017) daher, schon im Titel ein Schlag in die Fresse aller Aronofsky-Kritiker und zugleich wie eine Prophezeiung der Erfüllung aller schlimmsten Befürchtungen: Im Ansatz subtil kleingeschrieben, um dann gleich darauf mit einem Ausrufezeichen unerwartet zuzuschlagen. mother! ist groß, will groß sein, will wild, ungezügelt, over the top sein… mother! ist viel zu laut, viel zu groß, viel zu ambitioniert, unfreiwillig komisch, überdreht… und gerade in diesen Charakteristika eines der erfreulichsten Filmereignisse des Jahres 2017.

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