Die besten Filme 2018 – Climax von Gaspar Noé

Nach wenigen Minuten in seinem neuen Film Climax (2018) gibt Gaspar Noé dem Publikum bereits die Möglichkeit zur Flucht. Kaum haben wir beigewohnt, wie eine junge Frau, halb lachend halb weinend in den Schnee gefallen ist, rollen auch schon die Endcredits, inklusive Hinweis darauf, dass diese Geschichte auf realen Ereignissen basierte. Wir könnten jetzt aufstehen, den Kinosaal verlassen, beziehungsweise Netflix schließen, und alles wäre gut. Diese Möglichkeit zur Flucht wird es nach ungefähr einer Dreiviertelstunde noch einmal geben. Wieder die Liste der Beteiligten, eine Verbeugung vor dem Soundtrack und Black. Wer danach immer noch sitzen bleibt, hat es wohl nicht anders verdient. Denn immerhin handelt es sich hierbei um einen Film von Gaspar Noe, DEM Enfant Terrible des französischen Avantgardekinos, der auch Mitten im Film – genauer gesagt bei seinem dritten Start, aber vor seinem zweiten Ende (ja, so was macht bei diesem Regisseur auf eine schräge Weise Sinn) – noch einmal verkünden darf, wie stolz er darüber ist, dass es sich bei Climax um einen französischen Film handelt, und dass er natürlich alle Amerikaner ficken wird. Noé steht seit jeher für ein Kino der Extreme; und dass er dieses Mal gleich zwei Mal die Chance zur Flucht liefert, könnte man fast als eine Form der Altersmilde interpretieren. Aber auch nur fast; denn nach seinem letzten Film, dem verkopften Love (2015) haut er hier wieder voll auf die Kacke.

Im Grunde genommen ist Climax ein Kammerspiel, auf jeden Fall aber ein Rückzug von dem Größenwahn von Noés letzten Filmen. Was bleibt ihm aber auch anderes übrig, nachdem er in Enter the Void (2009) Protagonist, Handlung und Film vollends transzendiert hat, um seine Geschichte aus dem Zwischenreich zwischen Leben und Tod, Wahrnehmung und Entgrenzung zu erzählen. Bei Climax darf es eine ganze Nummer kleiner sein. Erzählt wird in diesem Film von Gruppendynamik, vom Zusammenstoßen verschiedener, schillernder und hungriger Charaktere. Ein wenig wird das Publikum dabei aber auch hinters Licht geführt, wenn nach dem poetischen, einleitenden Kurzfilm Climax für Noé-Verhältnisse erstaunlich nüchtern, quasi-dokumentarisch gestartet wird. So wohnen wir zu Beginn des zweiten Aktes einer Reihe von (improvisierten) Audition-Tapes bei, in denen die Tänzer*Innen sich für die Mitgliedschaft einer ambitionierten Tanzgruppe bewerben. Höchstens das – in diesem Fall wortwörtlich zu verstehende – Framing gibt einen Vorgeschmack, welchem apokalyptischen Reigen wir später beiwohnen müssen, indem es die Interviews in einem alten Fernseher wiedergibt, der von allerlei Horrorfilmen und schwerer philosophischer Lektüre umrahmt wird. Und dann wird erst einmal getanzt… lange und ausgiebig.

Im Grunde genommen ist Climax ein Tanzfilm. Nicht nur die durchchoreographierte Performance zu Beginn des dritten Aktes, sondern auch das improvisierte Tanzen danach. Dance and Talk. Wir sehen die Tänzer und Tänzerinnen das Ende ihrer Proben feiern, ordentlich mit Alkohol und Drogen begießen. Wir sehen sie über Sex reden, auch über persönliche Dinge, aber vor allem über Sex. Es scheint in der langen Probezeit viel passiert zu sein: Es gibt Paarungen und Verwerfungen und wieder potentielle Paarungen, ein wenig Eifersucht, ein wenig Geilheit, ein wenig Einsamkeit… das alles verliert sich aber im Reigen der Gruppe. Und dann wird auch schon wieder getanzt. Getanzt, als ob es kein Morgen, keine Zukunft gäbe. Mehr und mehr ertrinkt Climax geradezu in seinem Tanzrausch, nach vorne gepeitscht von den Beats zahlloser Electro-Acts. Die Gespräche werden weniger, angerissener, abgebrochener und es wird wieder getanzt; einfach nur getanzt, getanzt, getanzt, getanzt… bis die zweiten Credits rollen.

Im Grunde genommen ist Climax ein Horrorfilm. Irgendjemand hat irgendwas in die Sangria getan, die von allen den ganzen Abend getrunken wurde. Vielleicht LSD? Vielleicht irgendetwas anderes? Nach den zweiten Credits, die all den großartigen Musikacts, die hier zu hören sind, Tribut zollen, kippt die Stimmung: Übelkeit, Paranoia, Wahnsinn. Manche wollen herausfinden, wer für die unfreiwillige Drogenzufuhr verantwortlich ist, und schrecken dabei auch vor Gewalt nicht zurück. Andere wollen die Nacht einfach nur überleben, oder das Leben ihrer Liebsten retten. Wieder andere wollen weiterfeiern, so wie sie noch nie gefeiert haben. Das epische Zentrum dieses Kammerspiels bietet ein 40-Minütiger Mastershot. Keine Schnitte. Keine Pause. Keine Ruhe. Die Kamera klebt an einer Protagonistin, lässt sie berauscht von den Drogen durch die Probenräume irren. Manche Menschen haben Sex, andere stehen in Flammen, wieder andere verletzen sich selbst; die Kamera erhascht immer nur Momentaufnahmen, auch der Schrecken im Gesicht der Protagonistin bleibt eine Momentaufnahme. Und dann hängt sich die Kamera einfach an eine andere Person und folgt dieser durch das gleiche Fegefeuer.

Im Grunde genommen ist Climax Katastrophentourismus. Kameramann Benoît Debie, der bereits frühere Visionen von Gaspar Noé in schwindelerregenden Kamerafahrten auf die Leinwand brachte, ist hier ganz dicht dran an seinen Protagonisten und Protagonistinnen. Die Kamera ist der erschrockene Voyeur, die alle Personen des Films auf den Weg in den Abgrund begleitet. Als wäre sie geil auf die nächste brutale Situation, die nächste Eskalationsstufe, folgt sie immer dem, von dem sie sich die besten Bilder erhofft, irrt dabei selbst immer und immer wieder durch die Gänge des Tanzstudios, um immer bizarrere, absurdere Momente einzufangen. Mal dreht sie sich um sich selbst, mal bleibt sie still stehen, mal verliert sie den Fokus und kann nur noch Panoramen abbilden, die den Jenseitsvisionen eines Hieronymus Bosch ähneln. Ab einem gewissen Punkt verschwimmt alles vor dem Auge der Kamera und wir sehen nur noch zuckende Körper… und Abgründe: Gewalt, Inzest, symbolische Abtreibungen, selbstverletzendes Verhalten, Mord, Vergewaltigung… wie gesagt, selbst schuld, wer nach den zweiten Credits geblieben ist. Das ist ein Gaspar Noé Film, und als solcher sucht er die Extreme. In seinem vierten Akt wandelt Climax durchs Höllenfeuer, der nach wie vor stattfindende Tanz verliert all seine Leichtigkeit und wird zum dämonischen Zucken, zum abartigen Verrenken der menschlichen Körper. Manches Mal erwischt man sich bei der Frage, ob es sich bei diesen Wesen, die dort zucken, die sich dort verrenken, die dort kopulieren und sich gegenseitig verletzen, überhaupt noch um Menschen handelt und nicht viel mehr Ausgeburten der Hölle. In den letzten Minuten fühlt man sich auch – wie es sich wohl auch für einen Gaspar Noé Film gehört – erschlagen und zermartert und sehnt das Ende herbei. Denn ab diesem Punkt tut Climax weh, ist unangenehm, schmerzhaft, belastend und erdrückend.

Das wirklich Bemerkenswerte, trotz all seines Wahnsinns bleibt Climax ein deutlich irdenerer Film als Noés letzte Werke. Nicht nur, dass die Drogen konsequent die Erklärung für den Wahnwitz bleiben, es findet auch keine Transzendierung des Geschehens statt. Raum und Zeit bleiben – von den beiden Eröffnungen abgesehen – intakt, genau genommen haben wir es sogar mit einer strengen Einheit von Zeit, Raum und Handlung zu tun. Anstatt das Geschehen intellektuell aufzulösen, wird ihm ab einem gewissen Punkt nur noch beigewohnt. Nicht nur die Tänzer und Tänzerinnen verlieren sich in den Beats, sondern auch das Publikum. Noé, der sich schon immer drin verstand, physische Extreme mit einer philosophischen Diskursebene zu unterminieren, hat hier wohl seinen physischsten Film überhaupt gedreht, indem er einfach auf die Diskursebene zum größten Teil verzichtet. Climax ist Kammerspiel, Tanzfilm, Horrorfilm, Katastrophentourismus… vor allem ist Climax aber ein hypnotischer Trip in eine Welt der Körper und der Körperlichkeit. Er feiert die Schönheit und die Dekadenz des Lebens, ergötzt sich an seiner Brutalität und liegt schließlich wie alle seine Teilnehmer erschöpft am Boden, nachdem er begriffen hat, welcher Schaden durch ihn angerichtet wurde.

Der letzte Akt ist eine kurze Erlösungssymphonie, in der dem Zuschauer ein letztes Mal die Chance zur Flucht gegeben wird. Bevor er diese aber ergreifen kann, beschließt der Film selbst vor seinem Richter zu fliehen und löst sich in weißem Licht auf, als würde er im wahrsten Sinne des Wortes sterben. Was bleibt ist die Erinnerung an hypnotische Beats, wild zuckende Körper, unfassbares Leid… und einen wieder einmal wahnsinnig starken Film von Gaspar Noé, dem man für jede Sekunde dankbar ist, den man aber nun wirklich nicht ein zweites Mal sehen will.

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