Die besten Filme der 70er Jahre: Was mache ich denn jetzt mit dir, Hausu?

Es gibt einfach Filme, die komplett aus der Reihe tanzen. Sie lassen sich nicht richtig einem Genre zuordnen, sie scheinen selbst nicht zu wissen, ob sie nun experimentell sind, poppig oder trashig, ob sie unterhalten oder zum Nachdenken anregen wollen. Manchmal weiß man selbst nicht so genau, ob man es mit einem ausgeklügelten sinnstiftenden Werk, einem Fiebertraum oder gar einer künstlerischen Trollerei zu tun hat. Die 70er Jahre sind voll von diesen Filmen, und doch sticht einer dabei ganz besonders heraus. Hausu (1977) von Nobuhiko Obayashi: Kitschig bunter, unschuldiger Schulmädchenreigen, skurriler Fantasytrip, dazwischen immer mal wieder Experimentalfilm, der mit dem Surrealismus flirtet, oft genug alberner Trash und als Überbau eine bizarre Spukhausgeschichte mit herumfliegenden Köpfen und Zeichentrick-Gespenstern. Ich hatte diesen Film die ganze Zeit auf dem Schirm beim Zusammenstellen der 70er Jahre Bestenlisten, und bis zum heutigen Tag weiß ich nicht, in welche Liste ich packen könnte. Irgendwie passt er ehrlich gesagt in keine Liste so richtig, vielleicht am ehesten in die Liste der besten Filme mit dem Titel Hausu (was wiederum eine ziemlich kurze Liste wäre). Also bleibt mir wohl nichts anderes übrig, als diesem bizarren Gruselgemälde einen eigenen Artikel zu widmen. Und ohne zu viel zu spoilern: Es gibt mehr als genug zu schreiben über diesen Film, egal ob man ihn nun mag oder nicht.

Ein weißer Hai, ein Jaws für den japanischen Markt sollte es eigentlich werden, zumindest nach den Verantwortlichen der Produktionsgesellschaft Tōhō (Godzilla), die mit dem Wunsch nach einem ordentlichen, japanischen Horror-Blockbuster an Produzent und Regisseur Nobuhiko Ōbayashi herantraten. Irgendwo auf halber (wahrscheinlich eher auf einer achtel) Strecke muss dieser Grundgedanke verloren gegangen sein. Denn was Nobuhiko Ōbayashi (der, nachdem sich kein anderer für den Regiejob bei diesem Film begeistern ließ, selbst das Regiezepter in die Hand nahm) hier auffährt, ist so weit weg vom amerikanischen Blockbusterkino, wie man es sich nur irgendwie vorstellen kann. Eine Grusel- und Spukhausgeschichte sollte es werden, aber Ōbayashi und sein Drehbuchautor Chiho Katsura wollten sich nicht mit den klassischen, abgenutzten Genretropes zufrieden geben, und so suchten sie sich Unterstützung bei dem größten Experten, den man sich für eine solche Geschichte vorstellen kann: Einem elfjährigen Mädchen, konkret Ōbayashis Tochter Chigumi. Ihr Einfluss ist dem Film durch und durch anzumerken. Hausu ist von Anfang bis Ende ein kindlich naives Spiel. Ein Spiel mit kindlichen Freuden, mit kindlichen Fantasien, aber auch ein Spiel mit kindlichen Ängsten. Das ganze gespiegelt in der Brille eines erwachsenen Trash- und Exploitation-Filmemachers mit Ambition zu mehr. Viel von der Faszination an Hausu lebt von diesem ungewöhnlichen Kontrast, von dem Kampf und der scheinbaren Versöhnung dieser gegensätzlichen Wahrnehmungsebenen. Dass er Kunst sein will, liegt an seinem erwachsenen Blick. Dass er dabei immer wieder Kitsch wird, liegt an seiner Kindlichkeit. Dass er unfassbar kreativ und albern bei der Etablierung seines Horrors ist, liegt an seiner infantilen Seele, dass er dabei blutig, grausam und bizarr wird, ist dem exploitativen, Charakter seines Schöpfers geschuldet. Kindlichkeit, künstlerischer Anspruch, Exploitation, ein Dreiklang, der sich durch den ganzen Film zieht, bis zu einer obskuren Vermählung.

Kindlichkeit: Im Mittelpunkt von Hausu stehen die Teenager-Freundinnen Oshare (Kimiko Ikegami), Fantasy, Kungfu, Prof, Melody, Sweetie und Mac. Wie es sich für eine Kindergeschichte gehört, sagen die Namen der jungen Mädchen schon alles über ihre Persönlichkeit aus. Fantasy schwebt ständig in Tagträumen, vor allem über ihren Lehrer Mr. Tōgō (Kiyohiko Ozaki). Kungfu ist die Sportlerin der Gruppe, Melody die Musikalische, Sweetie will immer helfen und höflich sein, und Mac denkt ständig ans Essen. Da Oshare frustriert ist, dass ihr verwitweter Vater mit einer neuen Frau und potentiellen Stiefmutter (Haruko Wanibuchi) um die Ecke kommt, beschließt sie mit ihren Freundinnen im Sommer zum Haus ihrer Tante Obachama (Yōko Minamida) zu fahren und dort ein paar unbeschwerte Tage zu verbringen. Schulmädchen-Setup in den 70er Jahren? Natürlich können und dürfen hier alle Alarmglocken klingeln. Das schreit geradezu nach Exploitation mit Schmuddelerotik. Aber genau davon ist Hausu in seiner Prämisse und seinem ersten Drittel meilenweit entfernt. Anstatt sich an möglichen sexuellen Untertönen zu ergötzen, wird hier ein herrlich naives Coming of Age Märchen erzählt. Wie gesagt, Stichwort Kindlichkeit: Hausu badet im Kitsch frühjugendlicher Fantasien und Glückseligkeiten. Die Protagonistinnen sind Archetypen, auch Stereotypen, die sich kichernd und spielend an ihrer Gruppendynamik erfreuen. Die erwachsenen Nebenfiguren dienen maximal als Katalysatoren für bestimmte Plotpoints, sind aber niemals wichtig in dieser Welt, die die Jugendlichen ganz und gar für sich selbst entdecken dürfen. Unterlegt von einem zuckersüßen Score begleiten wir die Mädchen auf ihrem so leichten, so naiven und für sie doch so aufregenden Abenteuer. Die gemeinsam verbrachte Zeit, die gemeinsame Reise, die Freude an neuen Erfahrungen, all das ist in Zuckerwatte gehüllt, verziert mit Blümchen und Girlanden. Dazu darf es dann auch mal absolut alberne Slaptsickszenen oder gar eine Musicaleinlage geben. Passt alles, und die Realität hat Sendepause. Etwas Irreales schwebt über dem Szenario, so als hätten wir es mit einem kindlichen Traum, einem sich selbst schreibenden Märchen zu tun.

Künstlerische Ambitionen: In der Eröffnungssequenz sehen wir Oshare und Fantasy bei einer Fotosession. Die Kadrage des Bildes ist komplett im Fotoformat. Wir hören Anweisung der Fotografierenden und sehen die Bewegungen des Models im engen, fotografischen Rahmen. Erst dann wird dieser ergänzt durch einen leicht verschoben wirkenden Filmrahmen, bis dann schließlich beide ineinander fließen und die eigentliche Handlung eröffnen. Es ist schon beeindruckend, wie Hausu seine ganze Laufzeit über mit den Möglichkeiten des Mediums spielt, diese aufbricht und dabei seine filmische Herkunft immer wieder sichtbar werden lässt. Schnitte und Überleitungen sind hier nicht bloß Werkzeug, sondern immer auch Spielzeug. Bilder werden gedoppelt, übereinander gelegt, ineinander verwoben. Mal scheint die Kamera komplett auf dem Kopf zu stehen, mal wird sie in ihren Schwenks von Schnitten durchbrochen, die dem Publikum zuerst die Orientierung und schließlich den Verstand rauben. Wenn Oshare während der Zugfahrt ihren Freundinnen von der Geschichte ihrer Mutter und ihrer Tante erzählt, befinden sich die Mädchen plötzlich in einem Stummfilm: Show, don’t tell! als filmisches Prinzip derart wörtlich genommen, dass die Realität dabei aufgelöst wird. Oshare erzählt nicht die Geschichte ihrer Familie, sie zeigt sie in nostalgischen Bildern, während die Mädchen nur mit einigen Einwürfen kommentieren, als wären sie direkt in den Geist Oshares und mit diesem weiter in die Vergangenheit gereist. Irgendwann brennt die Filmrolle dieses Szenarios: „Das Feuer der Liebe.“ wird dies von den Zuschauerinnen wie selbstverständlich kommentiert. Wenn Oshare mit ihrem Vater redet und mit ihrer neuen Stiefmutter konfrontiert wird, betrachten wir die gesamte Szene durch Licht und Farben brechende Gläser. Und wenn die Mädchen in surreal wirkenden, entlegenen japanischen Landschaft ankommen, scheint es, als seien sie direkt in einem Gemälde gelandet: „Es fühlt sich an als wären wir in einer fremden Welt verloren!“ Mitunter scheint Hausu wie ein Showroom der Möglichkeiten der Realitätsaufhebung mit der Hilfe filmischer Montage: Szenen werden gebrochen und neu zusammengesetzt, Zeitabläufe springen, ziehen sich in die Länge, reale Wahrnehmung und Illusion verschmelzen miteinander. Das betrifft selbstverständlich und vor allem auch die Geschehnisse, die sich schließlich im Haus von Oshares Tante abspielen.

Exploitation: Oshare und ihre Freundinnen kommen voller Vorfreude auf einige unbeschwerte Tage im Haus von Obachama an. Die alte Dame sitzt im Rollstuhl, ist aber zuvorkommend und freundlich und scheint mehr als glücklich über die Gesellschaft der jungen Mädchen zu sein. Aber irgendetwas stimmt nicht. Fantasy ist die erste, die von unheimlichen Visionen heimgesucht wird. Das Haus scheint ein Eigenleben zu haben, Gegenstände bewegen sich wie von Geisterhand, das Mobiliar beginnt üble Streiche mit den Mädchen zu spielen, und schließlich verwandelt sich das ganze Szenario in einen schrillen Spuk- und Horrortrip. Hausu hat sichtlich Freude daran, die zuvor etablierte Idylle im Folgenden immer bunter, immer wilder, immer kreischender auseinanderzunehmen. Und auch wenn viele der Spukmomente wieder deutlich von Kinderhand gezeichnet scheinen, wird deren kindliche Fantasterei brutal gebrochen von Gore- und Splatterszenen. Ein Piano wird zum menschenfressenden Ungetüm, Köpfe fliegen durch die Luft (und beißen ihre Opfer in den Allerwertesten), Gliedmaßen werden abgetrennt, und schließlich fließt das Blut im Strömen. Nicht nur im Splatterhorror fährt Hausu volle Exploitationgeschütze auf. Dank der heldenhaft kämpfenden Kungfu gibt es auch so manche erinnerungswürdige Martial Arts Szene zu bestaunen, und auch ein wenig nackte Haut kann sich das schrille letzte Drittel nicht verkneifen. In den Momenten, in denen Hausu seine Neuankömmlinge mit Spuk, Illusion und Gewalt tyrannisiert, ist er sich für keine derbe, koboldartige Gemeinheit zu schade. Das alles aufgebaut auf dem Gedankenkonstrukt eines kleinen Kindes und verfeinert mit den experimentellen Möglichkeiten des Mediums, die im Schlussakt radikalisiert werden.

Aber einem gewissen Punkt zerfällt jede mögliche Geschichte vor unseren Augen und wir erleben nur noch ein irres Licht- und Farbenspiel: Zeichentrickgeister, die in die Welt hineingreifen, Köpfe, die vor einem psychedelischen Hintergrund schweben, Gesichter die sich entblättern und einen höllischen Hintergrund freigeben, Musik, die sich selbständig macht und ihre Schöpfer frisst, ein bunter Rausch, von dem man nie so genau sagen kann, was jetzt LSD-Trip, ausgeklügeltes Experiment oder einfach nur wahnwitziges Spiel ist. In seinen Schlussakkorden verschwimmen die Gegensätze: Kindliche Naivität und romantischer Kitsch dürfen neben artifizieller Montage und neben derbem Exploitation-Wahnsinn stehen. Ab einem gewissen Punkt gelingt es einfach nicht mehr, die Bruchstücke zu sammeln, das Mosaik zusammenzuhalten, und man wird einfach nur noch mitgerissen von diesem irrwitzigen Abenteuer. Das ist dann lustig und grausam, verwirrend und verstörend, unterhaltsam, albern und überraschend ob seiner unzähligen Einfälle. Am Schluss weiß man selbst nicht mehr so genau, ob man das genießt, was dort vor den eigenen Augen abläuft, oder ob man einfach die Flinte ins Korn geworfen hat. So wie das Haus schließlich in rasender Geschwindigkeit die Oberhand über die gefangenen Mädchen gewinnt, so gewinnt der Film die Oberhand über sein Publikum. Nichts ist mehr sicher bei diesem gewaltigen, bizarren Trip. Und wenn dann gegen Ende Menschen in Bananen verwandelt werden, kann man auch nur noch mit den Schultern zucken und akzeptieren, dass es absolut in das Geschehen passt.

Hausu ist kein Jaws Made in Japan geworden, sondern etwas viel besseres. Ein wenig ist er die japanische Variante von Suspiria, nur noch ein gutes Stück schriller, farbenfroher und wagemutiger. Er verliert sich selbst irgendwo zwischen düsterem Kindermärchen, kitschigem Fantasy und hysterischem Horror. Er verliert sich irgendwo zwischen ambitioniertem Experimentalfilm, elegischer Spukgeschichte und abgründigem, dreckigen Exploitation. Seinen Kern zu suchen, käme einer Mammutaufgabe gleich. Aber ganz ehrlich, vielleicht muss dieser Kern auch gar nicht gefunden werden. Hausu ist sicherlich kein gefälliger Film, aber einer der aufregendsten und absurdesten Trips, die das 70er Jahre Kino zu bieten hat. Nee, der muss in keine Bestenliste, der braucht keine bestimmte Kategorie, der ist einfach sein eigenes Teil.

Ähnliche Artikel