Die besten Horrorfilme 2017: mother! von Darren Aronofsky

So wirklich leicht hat es Darren Aronofsky einem nie gemacht, ihn einfach zu mögen. Dafür hat er sich seit jeher viel zu sehr dem großen Pathos, dem großen Symbolismus und der großen Erzählung verschrieben. So ganz ohne Welterklärung ging es nie bei ihm: Egal ob in seinem Low-Budget Mysterybastard Pi (1999) (die besten surrealen Filme der 90er Jahre), seinem epischen Sucht-Ensemblestück Requiem for a dream (2000) oder seinem opernhaften Balletthorror Black Swan (2010). Zuletzt schien er dann mit Noah (2014) vollends beim Religiösen und Spirituellen angelangt zu sein, dort wo er eigentlich von Anfang an hingehörte. Dabei offenbarte selbst dieses Bibelepos erstaunlich ansehnliche Seiten und war trotz allen Kitschs und aller unfreiwilliger Komik ein fantastischer Ritt durch den Weltuntergang. So wirklich leicht hat es Darren Aronofsky nämlich nie gemacht, ihn zu hassen. Der Mann versteht sein Handwerk, oszilliert gekonnt zwischen Mainstreamunterhaltung, Surrealismus und eben überambitioniertem Pathos und haut dabei dennoch immer wieder Filme heraus, die ebenso ärgerlich wie verführerisch sind. Und dann kommt jetzt dieser mother! (2017) daher, schon im Titel ein Schlag in die Fresse aller Aronofsky-Kritiker und zugleich wie eine Prophezeiung der Erfüllung aller schlimmsten Befürchtungen: Im Ansatz subtil kleingeschrieben, um dann gleich darauf mit einem Ausrufezeichen unerwartet zuzuschlagen. mother! ist groß, will groß sein, will wild, ungezügelt, over the top sein… mother! ist viel zu laut, viel zu groß, viel zu ambitioniert, unfreiwillig komisch, überdreht… und gerade in diesen Charakteristika eines der erfreulichsten Filmereignisse des Jahres 2017.

Die (wie alle anderen Charaktere des Films namenlose) Protagonistin (Jennifer Lawrence) lebt mit ihrem Mann (Javier Bardem), einem Autoren der unter einer Schreibblockade leidet, zurückgezogen in einem wunderschönen Haus mitten Auf dem Land. Während ihr Mann an der Vervollständigung seines großen Romans verzweifelt, bemüht sie sich, das riesengroße Gebäude zu restaurieren und zu verschönern. Eines Tages gelangt ein Fremder (Ed Harris) mit seiner Ehefrau (Michelle Pfeiffer) zu dem Anwesen des Paares. Der Autor sieht die Chance gekommen, seine Schreibblockade durch den Einfluss der Neuankömmlinge zu brechen, während die Protagonistin eigentlich nur ihre Ruhe haben möchte. Dennoch wird sie gezwungen die ungebetenen Gäste zu bewirten und sich mit der neuen Gesellschaft zu arrangieren. Als schließlich auch noch deren Söhne auftauchen und ein heftiger Streit zu einem Todesfall führt, ist es vollends vorbei mit der Ruhe in den eigenen vier Wänden und die ohnehin schon bizarre Situation beginnt peu à peu weiter zu eskalieren.

Reden wir nicht viel um den heißen Brei, denn eine zweite Interpretationsebene stellt Aronofsky nur sehr kreativen Denkern zur Verfügung: mother! ist eine Parabel auf die Genesis und zwar derart eindeutig, auffällig und direkt in die Fresse, dass man sich als Zuschauer ein irritiertes Kopfschütteln nicht verkneifen kann. Als würde er eine Checkliste der biblischen Zitate abhaken wollen, wird hier einfach mal alles symbolisiert, was Aronofsky in die Finger kommt. Jennifer Lawrence als Erdenmutter, Javier Bardem als patriarchalischer Gott, die Neuankömmlinge als Adam und Eva. Natürlich gibt es den Sündenfall, natürlich gibt es Kain und Abel, inklusive Mord und Totschlag, selbst eine kaputte Spüle muss für eine Metapher auf die Sintflut herhalten. Das ist so direkt, so offensichtlich, dass der Film sich praktisch selbst spoilert, ahnt man doch schon, dass er an dieser Stelle nicht halt macht und munter Richtung Neues Testament und Offenbarung rauscht, inklusive all dem Wahnsinn, der Gewalt und dem Chaos, die man an dem Buch der Bücher so schätzt, hasst (oder zumindest – sofern christlich sozialisiert – in guter Erinnerung hat).

Warum funktioniert diese metaphorische Tour de Force trotzdem so gut? Nun, wie gesagt, Aronofsky beherrscht sein Handwerk. Anstatt eine distanzierte, symbolträchtige Parabel zu erzählen, nutzt er das Tableau der Bibel, um eine sehr persönliche, tatsächlich unter die Haut gehende Geschichte zu inszenieren. In dieser ist (die herausragend spielende) Jennifer Lawrence nie bloßes Abziehbild, sondern stets eine Protagonistin, der man eine Menge Empathie und im Laufe der Handlung auch immer mehr Mitleid entgegenbringen kann. Gerade in der ersten Hälfte des Films ist die Kamera unfassbar nah dran an ihr, verfolgt sie Aronofsky-typisch auf Schritt und Tritt, fängt jede ihrer Emotionen ein, die vor allem aus Angst, Ohnmacht und Hilflosigkeit bestehen. En passant wird der Film auch zum makaberen Sinnbild sozialer Ängste, gesellschaftlichem Druck und der Ignoranz der Anderem gegenüber dem Wunsch allein zu sein. Der Film atmet und lebt durch das Zusammenspiel zwischen Lawrence und ihrem Schloss, deren enge Verbindung durch die Menschen brutal zerstört wird. So empfindet man nicht nur mit ihr Mitleid, sondern auch mit ihren Wänden und Gemäuern, die wie ein hilfebedürftiges Kind atmen und pulsieren. In dieser Konstellation wird Javier Bardem zum großen Nemesis: Selbstgefällig, ignorant, mit einem bedrohlichen Charme, und wie sich später herausstellt von Sekunde zu Sekunde gefährlicher.

Gerade die erste Hälfte in diesem streng zweigeteilten Werk wird so zu einem intensiven Slow Burner, der schreckenstechnisch locker mit düsteren Horrordramen wie Hereditary (2018) mithalten kann. Man leidet mit Lawrence, windet sich, verzweifelt, und hofft einfach nur, dass der Schrecken bald ein Ende nimmt. Und dann bricht die zweite Hälfte in den Film ein und verwandelt ihn endgültig zum schrillen Horrortrip. Hier zeigt Aronofsky was er kann, was er will und wofür er bekannt ist; im Guten wie im Schlechten. Kauft man in den ersten 70 Minuten mother! noch seine zurückhaltende Kleinschreibung ab, dominiert spätestens im letzten Viertel nur noch das Ausrufezeichen. Und selbst das scheint noch zu wenig zu sein: Ausrufezeichen um Ausrufezeichen setzt der Film, verwandelt sein gesamtes zuvor düster ruhiges, getragenes Setup unverhofft in eine einzige Freakshow. So langsam und intensiv er zuvor war, so laut, hysterisch und aggressiv wird er im Schlusscrescendo. Und das ist dann selbst für Aronofsky-Verhältnisse vollkommen over the top! Gewalt, Sex, Rausch, Panik… mother! wird zum reißerischen Gemälde, das direkt aus der Hand eines Hieronymus Bosch entsprungen scheint. Lawrence wird jegliche Handlungsmöglichkeit entrissen, stattdessen stolpert sie durch ihr okkupiertes Haus wie durch eine Geisterbahn, sieht Schrecken um Schrecken; und wir alle dürfen an ihrer Verzweiflung teilhaben. Und natürlich überspannt mother! dabei den Bogen. Natürlich wird mother! dabei irgendwann unfreiwillig komisch, zu einem bizarren Schautanz der Absurditäten, zu einem großen, überambitionierten Katastrophenfilm.

Aber verdammt nochmal macht er darin immer noch Spaß. Während zum Beispiel Lars von Trier in ähnlichen Pathosentwürfen gerne viel zu ernst nimmt, scheint Aronofsky großen Spaß an dem konzeptionellen Wahnsinn zu haben. Wenn schließlich Erlöser- und Märtyrergeschichte auf pantheistischen Kult, auf menschlichen Wahn und Armageddon treffen, sieht man den Regisseur immer auch mit den Augen zwinkern. Der Schlussakkord von mother! ist im Grunde genommen eine große Katharsis, die sich – geplant oder nicht – in ihrer eigenen Absurdität verfängt und verliert. Im wahrsten Sinne des Wortes ein höllisches Vergnügen, fast schon eine Arthaus-Horrorsatire, die auch den plumpen Symbolismus und die anstrengende Metapherngeilheit ihres Schöpfers ganz gut im Griff hat und in etwas 100% Unterhaltsames verwandelt. mother! ist eigentlich ein gescheiterter Film, aber auch ein grandioser Film, ein unterhaltsamer Film, ein Film, den man nicht zu ernst nehmen sollte, von dem aber einige Momente durchaus schmerzhaft in Erinnerung bleiben werden. Ja, das ist von allem zu viel, aber gäbe es solche Filme nicht mehr, wäre die Kinolandschaft deutlich ärmer. Vielleicht nicht der beste Film des Jahres, aber dennoch einer der Sehenswertesten.

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