Die besten Horrofilme 2016: The Witch – Horror als folkloristische Tragödie

Das mythologische Erbe des Christentums hat dem Horrorfilm einen großen Fundus an Motiven und Schreckensbildern hinterlassen, durchaus auch problematische. Denn während weibliche Magie in anderen Genres – insbesondere dem Fantasykino – in den verschiedensten Facetten und Farben dargestellt und ausgelebt wird, beruft sich der Horrorfilm meistens auf die fiktiven Schreckensgeschichten, die in der frühen Neuzeit für ganz realen Schrecken gesorgt haben: Von Häxan (1920) über Suspiria (1977) bis zum Blair Witch Project (1999); das was der moderne Horrofilm unter Hexenzauberei versteht, ist genau das, was bereits die Hexenprozesse darunter verstanden und womit sie Gewalt und Mord legitimierten. Ohne Zweifel hat das moderne Horrorkino damit eine ganze Menge Misogynie geerbt, gehegt und gepflegt, ohne deren düsteren Ursprünge zu reflektieren. Lars von Trier hat dies in seinem Antichrist (2009) versucht und war dabei ebenso erfolgreich, wie er krachend gescheitert ist. Es ist eben auch alles andere als einfach, Horror zu evozieren und zugleich die grausame Rolle der Angst vor dem Weiblichen in der neuzeitlichen Mythologie des Christentums zu reflektieren.

An diesem Punkt setzt The Witch (2016) an, indem er einen ganz und gar radikal traditionellen Weg einschlägt: Er inszeniert Aussagen der Hexenprozesse als realen Schrecken und kontrastiert diese mit dem Horror des ganz alltäglichen puritanischen Lebens der damaligen Zeit. Und so harmonieren und kämpfen in ihm historisch akkurates Porträt, Auseinandersetzung mit der frühneuzeitlichen Fantastik und Hexenhorror miteinander, um zu einem der wohl authentischsten historischen Horrorporträts der Filmgeschichte zu gelangen.

Neuengland im 17. Jahrhundert: Der streng gläubige William (Ralph Ineson) wird wegen seiner abweichenden Auslegung des Christentums aus seiner puritanischen Gemeinschaft verstoßen. Daher beschließt er, gemeinsam mit seiner Frau Kathrine (Kate Dickie), seiner ältesten Tochter Thomasin (Anya Taylor-Joy), ihrem Bruder Caleb sowie den beiden jungen Zwillingen und einem Säugling eine Existenz fernab der Zivilisation direkt am Waldrand aufzubauen. Sie errichten ein Haus, betreiben Landwirtschaft und leben ernsthaft und fromm nach den strengen religiösen Regeln, die das Familienoberhaupt diktiert. Das neugegründete Leben wird aber ernsthaft bedroht, als eine Reihe mysteriöser Ereignisse das Dasein der Familie erschüttert: Die Ernte wird durch eine seltsame Pflanzenkrankheit gefährdet, der jüngste Spross der Familie verschwindet auf unerklärliche Weise und schließlich nährt sich der Verdacht, dass eine Hexe ihr Unwesen in dem nahegelegenen Wald treibt.

A New England Folktale lautet der Untertitel des im Original mit zwei VV als The VVitch paraphrasierten Titels. Das ist nicht einmal die halbe Wahrheit dieses komplexen Dioramas. Und doch liefert sein Untertitel einen guten Blick auf das Selbstverständnis des Films: Folk Tale, nicht einfach Fairy Tale. Eine Geschichte der einfachen Bevölkerung, die womöglich oral überliefert und dementsprechend auch in ihrer Überlieferung über die Generationen hinweg, abgeändert, verzerrt oder sogar umgedichtet wurde. Als diese Form der narrativen Tradierung verpflichtet sich The Witch oft einem radikalen Subjektivismus. Der Blick der Kamera ist auch immer gleichzeitig der Blick eines Protagonisten oder einer Protagonistin. Die Geschehnisse, die dabei dokumentiert werden sind oft widersprüchlich, manchmal traumhaft, meistens alptraumhaft und oft von der Enge der jeweiligen Perspektive geprägt. Hat Thomasin tatsächlich nur für eine Sekunde weggeschaut, als das Baby verschwunden ist? Sind die unheimlichen Geschehnisse im Wald, die Caleb widerfahren, tatsächlich so wie Caleb sie wahrnimmt? Über was sprechen die Eltern im Schutz der Dunkelheit tatsächlich und was wird nur von der Wahrnehmung der Kinder weitergesponnen? Im Laufe des Films verdichtet sich dieser Subjektivismus mehr und mehr auf die Figur der Thomasin, die als ältestes Kind mehr Verantwortung trägt, als sie schultern kann und die sich durch die unheimlichen Ereignisse immer weiter von ihrer Familie entfremdet sieht. Tatsächlich erhält sie dadurch die Rolle der Chronistin dieser folkloristischen Erzählung, bis die Geschichte schließlich ganz und gar von ihrem Blick, zwischen Bangen und Wünschen, vereinnahmt wird.

Was The VVitch darüber hinaus ist, ist eine äußerst akribische Rekonstruktion des Lebens der amerikanischen Siedler und Puritaner, in der Authentizität einen enormen Stellenwert erhält. Das fängt an bei den Schauplätzen, geht weiter über die Kostüme der Akteure und die benutzte frühneuenglische Sprache bis hin zur gesamten Atmosphäre: Wenn es im Neuengland des 17. Jahrhunderts dunkel ist, dann ist es auch verdammt nochmal dunkel. Nur ein paar Kerzen erleuchten die Umgebung und der Zuschauer fühlt sich ebenso von aller Wahrnehmung abgeschnitten wie die Protagonistinnen. Wenn es im Neuengland des 17. Jahrhunderts karg und monoton ist, dann ist es auch verdammt nochmal karg und monoton. Das mühevolle Leben der puritanischen Siedler wird hier in all seiner Langsamkeit und monotonen Strenge durchexerziert. The Witch ist eben auch deshalb ein Slow Burner, weil das ganze Leben damals ebenso langsam wie langatmig wie mühevoll war. The VVitch wird dadurch beileibe nicht zur Dokumentation, aber er gewinnt eine erschreckende Authentizität, ein Gespür für die Zeit, in der er sich bewegt, und wird so trotz der zeitlichen Distanz zu einem sehr beklemmenden, mitreißenden und auch einfühlsamen Porträt der frühneuzeitlichen Umstände. Zu dieser Authentizität passt auch, dass die unheimlichen Geschehnisse, mit denen die Familie peu à peu konfrontiert wird, fast alle aus Hexenprozessaussagen rekonstruiert wurden: Verschwundene Kinder, durchdrehende Tiere, verseuchte Ernten, fremde Zungen im Fieberwahn… dahinter muss man keine Zauberei sehen, um sie als ernsthafte, bedrohliche Phänomene der damaligen Zeit auszumachen. The Witch fängt diese Phänomene auf, so wie sie von ihren Opfern geschildert wurden, und bringt sie auf die Leinwand. Dank seines radikalen Subjektivismus bleibt er dabei authentisch und wird nie zur albernen Hexentravestie.

Darüber hinaus ist The VVitch auch ein Familiendrama, besser gesagt eine Familientragödie, gar nicht so unähnlich den Familientragödien, wie sie im aktuellen Horrorkino oft zu sehen sind. Natürlich wirken die die Familie heimsuchenden Schrecken hierbei als Brandbeschleuniger, ähnlich aber wie im zwei Jahre zuvor erschienenen Barbadook (2014) und im zwei Jahre später erscheinenden Hereditary gibt es einen ausgedehnten Fokus auf die Geschehnisse innerhalb der Familie, die auch ganz ohne Zauberei und Okkultismus in einem permanenten Alptraum lebt: Die zumindest zwischenzeitlich ganz gut kaschierte Herrschsucht des Vaters, die strenge, kalte Hand der Mutter, die inzestuösen Begehrlichkeiten Calebs, die Rolle Thomasins als Außenseiterin der Familie, die soziale und emotionale Verwahrlosung der Zwillinge, hier geschieht vieles, was einem das Blut in den Adern gefrieren lässt. Das monotone Leben zwischen Arbeit und Gebet kann nur bedingt über die Dysfunktionalität der Gemeinschaft hinwegtäuschen. Auch wenn die Tragödie in The Witch eine historische ist, funktioniert sie doch auch als universelle Fabel, in der Themen wie religiöser Eifer, starre hierarchische Strukturen, unterdrückter Zorn und wachsende Entfremdung angeschnitten werden. Trotzdem wird er hierbei nie zum entkontextualisierten Spiegel: Die Tragödie bleibt klar im historischen Diorama verortet, in dem sie hervorragend als Blick auf eine fremde Epoche funktioniert.

Darüber hinaus und in erster Linie ist The VVitch aber auch ein Horrorfilm. Und zwar ein verdammt effektiver. Die Verknüpfung von historischer Authentizität, familiärer Tragödie und radikalem Subjektivismus nutzt er letzten Ende um seinen Zuschauern verflucht viel Angst einzujagen. Dabei will er allerdings kein Effektkino sein: Wer Jump Scares, brutale Splatterszenen, Schock und Terror erwartet, ist hier definitiv im falschen Film. Stattdessen bricht der Horror in dieser Hexengeschichte schleichend herein, bleibt oft vage, begnügt sich mit Andeutungen und unheimlichen, beklemmenden Szenen, die lange – sehr lange – gehalten werden. The VVitch ist ein Horror Slow Burner, wie er im Buche steht; mehr noch als der Barbadook, mehr noch als It follows oder Hereditary. Das liegt nicht zuletzt daran, dass der Horrorexzess, wenn er denn schließlich doch mit voller Gewalt entfaltet wird, weiterhin nebulös, dunkel und mysteriös bleibt. Im Gegensatz zu seinen Geschwistern entlädt sich das angestaute Grauen in The VVitch nicht in einem fulminanten Showdown, es gibt keine Karthasis. Selbst das schließlich doch hereinbrechenden apokalyptische Finale erlöst uns nicht auf befriedigende Weise von den dargestellten Schrecken, auch in diesem bewahrt sich The VVitch seine klaustrophobische, unangenehm monotone Atmosphäre.

Dank dieser Ingredienzen ist The Witch ein für einen Horrorfilm erstaunlich geerdetes historisch akkurates Schauspiel. Die familiäre Tragödie, der evozierte Horror und das historische Panorama sind Dank des radikalen Subjektivismus, mit dem sie vermittelt werden, ein wahrscheinlich weitaus authentischeres Zeitporträt als so manches Historical Period Drama unserer Zeit. Die fantastischen, mysteriösen und okkulten Momente betten sich dabei harmonisch in diese Authentizität ein. The Witch ist eben auch ein Horrorfilm, der die Ängste der damaligen Zeit reflektiert: Halb dokumentarisch, halb voyeuristisch, aber immer mit einem Blick für die Befindlichkeiten eines religiösen Amerikas, das noch im Entstehen begriffen war. Der Horror ist hier auch immer ein Horror, der durch die ethnologische, historische Brille betrachtet wird. Dass der Schrecken dennoch spürbar bleibt und durch alle Glieder fährt ist eine große Stärke dieses gewagten und akribischen Meisterwerks. In der Tat ist The VVitch ein Folktale, ein Volksmärchen, eine tradierte Geschichte – oder viel mehr eine Sammlung tradierter Geschichten – die ihren subjektiven Blick über alles stellt, auch über heutige Moral- und Gesellschaftsvorstellungen, über das heutige Verständnis von Mythos, Mythologie und Wissenschaft. Und dennoch kann er seinem Publikum eine Scheiß Angst Machen.

Ähnliche Artikel