Die besten Filme 2017: A Ghost Story

Der Philosoph und Filmtheoretiker Gilles Deleuze arbeitet in seinen Werken Kino I und II mit den Konzepten des Bewegungsbildes beziehungsweise des Zeitbildes. Ersteres sieht er im traditionellen Film aus der Frühphase des Kinos verwirklicht, während zweiteres seiner Ansicht nach im modernen und postmodernen Film wie dem italienischen Post-Neorealismus oder der französischen Nouvelle Vague umgesetz wird. Das Zeitbild steht dabei für eine Filmtechnik, in der Zeit nicht mehr einfach chronologisch erzählt wird, sondern als Panorama, „ein instabiles Ensemble von freischwebenden Erinnerungen und Bildern einer Vergangenheit im Allgemeinen, die in schwindelerregendem Tempo vorüberziehen, als ob die Zeit eine tiefgründige Freiheit gewinnen würde.“ Dabei würde eine anarchische Mobilisierung der Vergangenheit als Reaktion auf die Bewegungsunfähigkeit der filmischen Protagonisten stattfinden. Es darf an dieser Stelle durchaus kritisch hinterfragt werden, ob die europäischen Arthaus-Filmemacher der Moderne tatsächlich konsequent diesen Ansatz verfolgten, oder ob nicht viel mehr Deleuze als postmoderner, poststrukturalistischer Philosoph ihnen dieses Konzept aufdrückte. Was außer Frage steht, ist die Tatsache, dass viele Filmschaffende nach den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts (zu deren Beginn die beiden Bände erschienen waren) sich von diesem Konzept inspirieren ließen. Regisseure wie Béla Tarr, Terrence Malick oder Gus Van Sant versuchten dieses Konzept nicht nur zu verstehen, sondern auch zu radikalisieren, indem sie ihre – mitunter ohnmächtigen – Protagonisten vom Zeitfluss überwältigen ließen und diesen von allen filmischen Konventionen befreiten: Allerdings weniger im schwindelerregenden Tempo als viel mehr in radikal schmerzhafter Langsamkeit: In dieser Langsamkeit wird Zeit ihrer Dynamik beraubt und zu einem essentiellen, grausamen aber zugleich auch ungeordneten Vollstrecker. So wie sie stillzustehen scheint, so bewegt sie sich doch gnadenlos fort und begräbt alles unter sich, was in der Filmhandlung verborgen liegt. Dieses Zeitbild-Konzept scheint auch David Lowery mit seinem Fantasydrama A Ghost Story (2017) zu verfolgen; ein leiser poetischer und zugleich brutal erdrückender Film, in dem die Zeit wie ein zäher Mahlstrom dahinfließt.

Das verheiratete Paar C (Casey Affleck) und M (Rooney Mara) lebt in einem alten Haus irgendwo in der amerikanischen Einöde. Kurz nachdem die einsame M ihren Mann überzeugt hat, in die Stadt zu ziehen, geschieht ein schrecklicher Unfall, bei dem C stirbt. Aber etwas scheint ihn auf dieser Welt zu halten. Denn unmittelbar nach seinem Tod kehrt er als Geist zurück. Ganz traditionell gekleidet in ein weißes Laken muss er ohnmächtig mitansehen, wie sich seine Witwe neu verliebt und ihr gemeinsames Heim schließlich verlässt. C bleibt zurück, mit kaum einer Möglichkeit mit der Umwelt zu interagieren sieht er die Zeit an sich vorbeifließen, sieht er, wie das Haus neue Bewohner gewinnt und wieder verliert und schließlich selbst von den Mühlen der Zeit zermahlen wird. Alles bewegt sich, alles verändert sich, nur C scheint immer zurück zu bleiben, verdammt in alle Ewigkeit.

Um das nochmal klar zu machen (auch wenn bereits die Synopsis hier alle Zweifel ausräumen sollte): Das hier ist kein Ghost – Nachricht von Sam: Keine Geisterromanze, auch kein Mystery, kein Fantasy-Schnickschnack und erst recht kein Posthorrorfilm. Viel mehr versteht sich A Ghost Story als klassischer Arthaus Motivfilm, irgendwo in der Tradition eines Andrei Tarkowski oder Terrence Malick, ohne jedoch deren bedingungsloser Epochalität nachzueifern. Eher im Gegenteil: So essentiell die Themen dieser Geistergeschichte sind (und dessen ist sie sich auch sehr bewusst), so unabhängig von jeglichem epischen Anspruch ist ihre visuelle Umsetzung. A Ghost Story ist streng in seiner Komposition, aber nicht der Weite und Offenheit verpflichtet, sondern der Enge und Gefangenschaft. Gedreht im 4:3-Format steckt er seinen Protagonisten in eine fast quadratische Box und lässt ihn eingesperrt in dieser Kadrierung den Strom Zeit durchleben. Die Kadrierung des Bildes ist dabei weitaus mehr als bedrückendes Stilmittel: In ihr spiegelt sich die räumliche Enge des Films und des gespenstischen Protagonisten wider. A Ghost Story ist keine fantastische Reise, kein opulenter Flug durch Raum und Zeit, keine kurze Geschichte der Zeit in einem Handstreich, sondern ein klaustrophobisches Sinnbild mentaler und physischer Gefangenschaft.

Gerade in dieser Gefangenschaft kann er sich aber auf wundervolle Weise entfalten. A Ghost Story ist eng, langsam und still. Er hält seine Szenen aus, sowohl ihren visuellen als auch narrativen Stillstand. Gesprochen wird selten, gesagt wird meistens nicht viel, aber in seiner auditiven und visuellen Schweigsamkeit erschafft der Film einen ganz eigenen intimen Kosmos. Dass dies gelingt ist insbesondere deshalb so erstaunlich, weil sein Protagonist fast die gesamte Laufzeit über praktisch unsichtbar ist. Unter dem großen Bettlaken versteckt (selbst die ausgehöhlten, traurigen Augen sind nicht mehr als schwarze Löcher), um Mimik, Sprache und Gestik beraubt, bleibt Casey Affleck nicht viel mehr als seine reine physische Größe in den Ring des Films zu werfen. Und mit dieser steht er dann da, wie ein nachdenklicher, beobachtender, verlorener Monolith. Und dennoch spürt man die menschliche Präsenz unter dem Gespensterkostüm permanent, so stark sogar, dass man Mitgefühl und Mitleid mit der Geistererscheinung empfinden kann. Die Hauptfigur ist wie der gesamte Film von einer tiefen Traurigkeit durchzogen, einer bedrückenden und erdrückenden Gewissheit über die Endlichkeit allen menschlichen Seins, die sich im Laufe seiner Beobachtung zu einer deprimierenden Gewissheit über die Endlichkeit des gesamten Kosmos entwickelt. Die Unmöglichkeit, festzuhalten und zu bewahren wird zum Grundfeiler von A Ghost Story, reflektiert in einem herausragenden (und zugleich saloppen) Monolog von einem der kurzfristigen Mitbewohner des Gespenstes.

Und doch ist diese Geistergeschichte keineswegs ein rein atheistischer Film. Stattdessen wirft er im letzten Drittel noch einmal ein ganzes Paket Spiritualität auf sein Tableau. Doch auch hier, anstatt sich christlichem oder allgemein religiösen Kitsch hinzugeben reflektiert A Ghost Story viel mehr das reiche philosophische Erbe der Romantik und insbesondere der Moderne. So wandelt er schließlich doch von einem sehr chronologischen zu einem zyklischen Zeitverständnis, entwirft einen ganz eigenen – nach wie vor langsamen – Bilderrausch, in dem – ohne direkt zitiert zu werden – Hegel, Schopenhauer und Nietzsche um die Ecke lugen. Gerade letzterer scheint mit seinem Konzept der ewigen Wiederkunft direkt Pate gestanden zu haben, wenn sich der bis dahin unendlich dahinstreckend scheinende Zeitstrahl aufgelöst und in einen Zirkellauf verwandelt wird: „Dieses Leben, wie du es jetzt lebst und gelebt hast, wirst du noch einmal und noch unzählige Male leben müssen; und es wird nichts Neues daran sein, sondern jeder Schmerz und jede Lust und jeder Gedanke und Seufzer und alles unsäglich Kleine und Grosse deines Lebens muss dir wiederkommen, und Alles in der selben Reihe und Folge“. Und wie auch Nietzsche findet A Ghost Story – in der Tat überraschend – in diesem Gedanken auch etwas Tröstliches, geradezu etwas Erlösendes, einen erleichterten Seufzer im Schlussakkord.

A Ghost Story ist kein einfacher Film, kein spannender Film und auch kein glücklich machender Film. Er ist ein düster melancholischer und nachdenklicher Trip in die Endlichkeit und Unendlichkeit des Seins, eine Reflexion über Leben, Tod und Einsamkeit… Einsamkeit… vor allem Einsamkeit. Dass muss man als Zuschauer aushalten können. Man muss ein Faible für ruhige, getragene Szenen, für klaustrophobische Stimmung und poetische, zurückhaltende Dramatik haben. Dann erlebt man hier einen der aufregendsten, unepisch epischsten Filme des jüngsten amerikanischen Independentkinos. A Ghost Story ist kein Film für jedermann, sondern ein Fest für Cineasten und Liebhaber des Konzeptfilms europäischer Arthaus-Tradition; und darüber hinaus wohl eine der konsequentesten und radikalsten Vollstrecker des Zeit-Bild-Minimalismus jenseits des atlantischen Ozeans.

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