Die besten Horrorfilme der 90er Jahre: Was ist mit Stephen Kings IT?

Im Jahr 2017 spielte die Verfilmung von Stephen Kings epischem Horrorroman ES eine große Rolle bei der Beantwortung der Frage, welcher denn nun der beste Horrorfilm des Jahres sei. Abgesehen davon, dass dies dem – allenfalls durchschnittlichen – Reboot viel zu viel der Ehre war (aber dazu an anderer Stelle vielleicht mehr), zeigt es doch ganz gut, dass die Stephen King Fangemeinde schon lange nach wirklich guten Verfilmungen ihres Meister dürstet. Ja, auch wenn es gelungene Ausnahmen gibt, die Kombination Stephen King und Film war schon immer und ist bis heute ziemlich holprig. Nicht ganz unschuldig daran ist der Meister selbst, der ausgerechnet die beste Verfilmung seiner Romane, Shining, rundheraus ablehnte und diesen Roman zu allem Überfluss auch noch mit einer etwas anderen Verfilmung – nach seinem (und wirklich nur nach seinem) Geschmack – beglückte. Anyway, den Tiefpunkt der Stephen King Verfilmungen stellen wohl die Miniserien dar, die in den 90ern über unsere Fernsehgeräte herfielen: The Stand, Langoliers, das schon erwähnte Shining Reboot… und ja, auch die Verfilmung von ES, die zwar unter diesen Verfilmungen die beste ist, aber doch unter den klassischen Schwächen einer King-Miniserie leidet.

Nachdem in Derry, Maine im Jahr 1990 mehrere Kinder auf mysteriöse Weise gestorben sind, beginnt der Bibliothekar Mike Freunde aus seiner Kindheit anzurufen. Der Grund: ES ist zurückgekehrt und verantwortlich für die Kindermorde. Mit den Anrufen kehren auch die Erinnerungen an das Jahr 1960 zurück. Mike, Bill, Beverly, Stan, Richie und Eddie bildeten in ihrer Kindheit einen Club der Verlierer. Von den meisten anderen wegen ihres Außenseiterstatus gemieden und von einer Jugendbande um den Schläger Henry terrorisiert, entwickelten sie eine tiefe Freundschaft, die ihnen dabei half die Schwierigkeiten der frühen Jugend zu überstehen. Aber Derry war bereits damals kein gewöhnlicher Ort: Unter der Oberfläche der amerikanischen Kleinstadt lauerte das Böse. Zuerst waren es nur ein paar Kinder, die auf mysteriöse Weise verschwanden, dann wurden die Mitglieder des Clubs der Verlierer schließlich nach und nach selbst Zeuge unheimlicher Ereignisse rund um den mysteriösen und fruchteinflößenden Clown Pennywise. Schließlich beschlossen die Freunde den namenlosen Schrecken nicht weiter hinzunehmen und gegen ES zu kämpfen… Eben genau jenes ES, dass nun auch im Jahr 1990 wieder sein Unwesen in Derry treibt.

Die große Stärke von Stephen Kings Horrorepos ES (1986) liegt in seiner verschachtelten Erzählweise. Im Buch springt King konsequent zwischen der Kindheit und dem Erwachsenenalter seiner Protagonisten und erzählt somit parallel den kindlichen und erwachsenen Kampf gegen das namenlose Monster, das meistens in Form des Clowns Pennywise auftritt. Dass diese Erzählweise nicht so einfach filmisch umzusetzen ist, liegt auf der Hand. Insofern scheint die Entscheidung, die Geschichte bei der Verfilmung in zwei Episoden zu teilen, fast schon zwingend. Auch die Verfilmung aus dem Jahr 2017 macht es genau so… und auch wenn dadurch viel von der raffinierten Struktur des Originals verloren geht, muss dies keineswegs zum narrativen und dramaturgischen Makel werden. In der Tat stellt sich die 1990er Es-Verfilmung hier sehr geschickt an. Die einzelnen Telefonanrufe im Jahr 1990 geben den Geschehnissen im jahr 1960 einen erzählerischen Rahmen, wodurch Teil 1 des Zweiteilers äußerst elegant komponiert daherkommt. Während in der 2017er Verfilmung die Geschichte viel zu sehr in einzelne Pennywise-Horrorepisoden zerfällt, ist die erste Hälfte des 90er Jahre IT ausgesprochen fokussiert und konzentriert.

Auch die Kinderdarsteller liefern durch die Bank einen guten Job – insbesondere der oft unterschätzte Jonathan Brandis und der damals schon Comedy im Blut habende Seth Green. Aber allen die Show stiehlt natürlich Tim Curry als Clown Pennywise: Es ist selbst nie so ganz klar, ob Curry hier bewusst überspielt, weil er die Idee eines Horrorclowns der Kinder frisst, einfach albern findet, oder ob er tatsächlich glaubt, diese Art von Performance würde den perfekten Horrorrahmen bilden. Egal, als Ausgeburt der Zirkushölle ist er einfach nur hilarious. Manch einer, der als Kind von dem Film horrorsozialisiert wurde, mag sich mit purem Schaudern an die groteske Gestalt Pennywises erinnern. Die Nostalgiebrille abgelegt und das ganze Szenario nüchtern betrachtet, muss man aber einfach mal anerkennen, dass Currys Spiel einfach viel zu bizarr, over the top und vor allem albern ist, um jemals richtig Angst machen zu können. Ist aber in dem Fall gar nicht so schlimm, denn dieser Pennywise gehört einfach mit zum Abgedrehtesten, was es jemals an Over the Top Performance im Genrekino zu sehen gab. Und, dass muss man dem Film auch zu Gute halten, trotz dieses grotesken, überzeichneten Spiels gibt es im ersten Teil der Mini-Serie durchaus so etwas wie unheimliche Momente: Sowohl die erste – mittlerweile ikonisch gewordene und in der Neuverfilmung auch praktisch fast komplett kopierte -Mordszene, als auch die Begegnung Beverlys mit ES im heimischen Badezimmer und Bills Konfrontation mit einem zum Leben erwachten Buch bieten 1A-Horrorstoff ohne Kompromisse.

Anders sieht es beim Rest aus. An ES hat ganz schön der Zahn der Zeit genagt, was insbesondere an seiner Inszenierung liegt: Diese ist einfach viel zu pathetisch, viel zu melodramatisch, was weitaus mehr den Horror entschärft, ja geradezu ins Lächerliche dreht, als die wunderbare Performance Tim Currys. Viel zu oft wird ES durch seine getragene Musik und seine theatralische Kameraführung zur Möchtegern Coming-of-age Tragödie mit Horroranleihen. Das wäre nur halb so schlimm, wenn die Konflikte, die hier geschildert werden, nicht so furchtbar flach und zugleich überzeichnet wären. Kings Stärke liegt eben im Gruselerzeugen und nicht im tiefgründigen Portraitieren des Alptraums Kindheit und Jugend. Durch seine melodramatische Herangehensweise scheint sich IT viel zu ernst zu nehmen, viel mehr sein zu wollen, als das, was es eigentlich ist, was dann aber wiederum immer wieder konterkariert wird durch diese absurde – und gleichzeitig so großartige – Figur des Pennywise.

Das würde alles irgendwie für so ein Fazit à la „Macht Spaß“ reichen, wenn das ganze Epos nicht aus zwei Teilen bestehen würde. So fokussiert und in sich geschlossen der erste Teil funktioniert, so abgehängt ist seine Fortsetzung. An dieser wird nämlich leider doch offensichtlich, dass die Rückkehr der Erwachsenen „Verlierer“ nach Derry im Roman vor allem dazu dienen sollte, der Kindheitsgeschichte Rahmen und Spiegelung zu geben. Gelöst davon strauchelt die Erzählung des erneuten Kampfes gegen Pennywise wie eine betrunkene Gruselmär, ohne zu wissen, was sie eigentlich will. Die Horrorgeschehnisse im zweiten Teil sind in den besten Fällen egal, in den meisten Fällen ärgerlich platt, in den schlimmsten Fällen einfach nur todlangweilig. Die Jagd der Erwachsenen nach dem Monster ist unfassbar zäh, das melodramatische Moment wird noch mehr überreizt als im ersten Teil und selbst der furiose Tim Curry kann hier nichts mehr retten… zumal sein überdrehtes Spiel dann doch auch irgendwann zu nerven beginnt, spätestens wenn es in die dritte Sehstunde hineingeht. Hinzu kommt wohl eines der banalsten antiklimaktischsten Last-Boss-Kämpfe der Horrorfilmgeschichte, der in negativer Hinsicht erneut von dem melodramatischen Epilog getoppt wird.

Hand aufs Herz, ES war damals schon ein ziemlich durchschnittlicher TV-Film, der vor allem Dank der Performance Tim Currys in Erinnerung geblieben ist. Aus heutiger Sicht kommt noch dazu, dass das Werk erstaunlich schlecht gealtert ist, gerade auch im Vergleich mit anderen Horrorfilmen seiner Epoche. So taugt er aber immerhin noch als Zeitzeugnis einer Ära, in der King-Verfilmungen wirklich eine große Sache waren, als unterhaltsame Clownbizarrerie (so lange man nur zu den Pennywise-Szenen skippt), und natürlich – und das sei ganz ohne Häme gesagt – als wunderbarer Nostalgietrip in eine Zeit, in der man sich noch von ziemlich banalen Inszenierungsstrategien Angst machen ließ.

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