Schlagwort: 2020er

Cobra Kai und der amerikanische Traum

Zu den eher älteren, berühmt gewordenen, Youtube-Videos gehört ein nicht ganz fünfminütiges Video-Essay mit dem Titel The Karate Kid: Daniel is the REAL Bully. In diesem knöpft sich J. Matthew Turner den Teenager-Kampfsportklassiker Karate Kid (1984) vor und dreht dessen Handlung einmal von innen nach außen. Karate Kid ist eigentlich die Geschichte des fünfzehnjährigen Daniel LaRusso, der mit seiner Mutter nach Los Angeles zieht und dort Opfer des brutalen Bullys und Karatekämpfers Johnny Lawrence wird. Im Laufe des Films lernt Daniel den Sensei Mr. Miyagi kämpfen und es gelingt ihm mit dessen Hilfe, seine Karatefähigkeiten zu verbessern, neues Selbstvertrauen zu gewinnen und schließlich in einem Karateturnier seinen Widersacher zu besiegen. In Turners Analyse liest sich die Geschichte anders: Daniel ist ein Angeber, der trotz seiner physischen Unterlegenheit Johnny immer wieder provoziert, Mr. Miyagi verprügelt Jugendliche und nur mit unfairer dämonischer Magie können sie schließlich das Turnier gewinnen. Über zehn Millionen Klicks hat das Video seit seiner Veröffentlichung 2015 gesammelt und mit der Hilfe der Serie Cobra Kai (2018) dürften nicht wenige dazugekommen sein. Cobra Kai setzt in unserer Zeit an, gut 45 Jahre nach den Geschehnissen des Films, erzählt jedoch aus einer neuen Perspektive. Protagonist ist dieses Mal Johnny, der Antagonist folgerichtig Daniel. Mit diesem einfachen Kniff wird die Youtube-Serie, die mittlerweile von Netflix übernommen wurde und die dritte Staffel hinter sich gebracht hat, zu einer großartigen Auseinandersetzung mit Nostalgie, Kampfsport und dem amerikanischen Traum.

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TENET von Christopher Nolan – Wie schlägt sich der Retter des Kinos 2020 im Home Cinema?

Es gibt wohl zwei Dinge, auf die sich alle Blockbuster-Cineasten diese Tage einigen können: Erstens, einen Film von Christopher Nolan muss man auf der großen Leinwand sehen. Zweitens, wenn es einen Film gab, der die dieses Jahr von Covid-19 geplagten Lichtspielhäuser hätte retten können, dann war es Nolans jüngster Streich Tenet (2020). Angekündigt mit vagen, mysteriösen Trailern und ausgestattet mit einer Menge Hype im Vorfeld, mit großem Tamtam veröffentlicht im Kinosommer zwischen Lockdown Eins und Lockdown Zwei, lastete auf den Schultern dieses Action/SciFi-Krachers die Hoffnung der gesamten Blockbuster-Branche. Ein Film für Publikum und Kritik gleichermaßen, bombastisches Kino für den gehobenen cineastischen Eskapismus und zugleich intelligentes Vexierspiel. Ein Lichtblick in einem dünnen Filmjahr, in dem sich selbst Popcorn-Riese Disney dazu entschied, seinen großen Filmhit Mulan Streaming only zu veröffentlichen. Tenet hat geliefert. Zumindest wenn man eine internationale Box Office Auswertung von über 350 Millionen Dollar (bei einem Produktionsbudget von 200 Millionen Dollar) als monetären Erfolg ansieht. Mit Werbebudget dürfte es zwar insgesamt maximal eine schwarze Null gewesen sein, – wenn nicht sogar ein „kleiner“ zweistelliger Millionenverlust -, aber in diesem Jahr gelten einfach andere Maßstäbe. Und mit knapp über 70% bei Rotten Tomatoes war auch die Kritikerschar zufriedengestellt. Aber wir schreiben nunmal das Jahr 2020, und so kommt es, dass ich – wie viele andere – auf DEN Kinofilm des Jahres im Kino verzichtet habe und sowohl er als auch ich nun mit Home Cinema in läppischem HD Vorlieb nehmen müssen. Und dann stellt sich eben doch die Frage: Bei einem Film, der wie wenige derart auf die große Leinwand zugeschnitten ist, kann sich dessen Zauber auch auf dem heimischen OLED-Screen entfalten?

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His House (2020) auf Netflix – Horror als Flucht- und Asyl-Parabel

Horrorfilme sind immer auch ein Spiegel ihrer Zeit. Von der Auseinandersetzung der Deutschen mit dem erstarkenden Faschismus im Cabinet des Dr. Caligari über die Verarbeitung des japanischen Traumas der Atombombenangriffe auf Hiroshima und Nagasaki in den Godzilla-Filmen bis hin zur Widerspiegelung des Konservatismus der Reagan-Ära im amerikanischen Slasherfilm der 80er Jahre waren Horrorfilme immer politisch: Egal ob progressiv, konservativ oder regressiv, das unheimliche Kino eignet sich einfach bestens dafür, ohnehin schon vorhandene Ängste zu multiplizieren oder in fantastischen Schrecken zu transferieren. Auch wenn in den letzten Jahren durch den Post-Horror öfter von einer Politisierung oder zumindest Repolitisierung des Genres die Rede war, so finden sich in der Geschichte des Horrorfilms doch durch alle Epochen politische Motive, teils im Subtext, oft genug aber auch ganz direkt in der Motivik einzelner Filme. Umso erstaunlicher ist es, dass die Flucht- und Migrationsbewegungen in der zweiten Hälfte der 2010er Jahre bis dato im gruseligen Film kaum verarbeitet wurden. Der Netflix-Film His House (2020) von Newcomer Remi Weekes ist ein Gruselschocker, der genau dies tut. Er rückt die Geflüchteten in das Zentrum seiner Handlung und erzählt ihre Traumata aus ihrer Perspektive; als düstere Spukgeschichte, irgendwo zwischen Horrormär und beängstigender Parabel.

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Borat: Anschluss Moviefilm (2020) – Kein guter, aber ein sehenswerter Film

Rudy Giuliani, republikanischer Politiker, ehemaliger Bürgermeister von New York, Anwalt und Rechtsberater von Donald Trump liegt auf dem Bett eines Hotelzimmers. Über ihn gebeugt ist eine junge Frau, die ihm anscheinend dabei hilft, ein Ansteckmikrofon abzulegen. Und dann passiert es. Entspannt lehnt sich Giuliani zurück und greift tief in seine Hose mit anscheinend ziemlich eindeutiger Absicht. Bevor diese irritierende Szene weitergehen kann, wird sie auch schon gestört. Ein in Reizwäsche gekleideter Borat (Sacha Baron Cohen) stürmt in das Zimmer und schreit Giuliani an, die Frau sei 15, sie sei zu alt für Rudy. Er Borat würde sich an ihrer statt dem mächtigen, alten Mann hingeben. Giuliani ist verwirrt, ruft seine Security-Leute, und Borat und seine Filmtochter fliehen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Diese kurze Episode ist nicht nur der neue Film Sacha Baron Cohens in a Nutshell, er ist auch sein zentraler Moment, sein größter Aufreger, seine Berechtigung und vermutlich auch sein stärkstes Erbe. Da kann Cohen noch so viele (insgesamt neunzig) Minuten drumherum packen, wer Borat Anschluss Moviefilm (2020) – eine Quasi-Fortsetzung von Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen (2006) – sehen will, tut dies vor allem wegen dieser einen Szene, die schon vor der Premiere der Mockumentary auf Amazon Prime keine zwei Wochen vor der US-Wahl 2020 für einige mediale Aufregung sorgte. Dementsprechend wird dieser neue Borat-Streich wohl nie ganz die Verknüpfung mit dem kleinen Giuliani-Skandal loswerden, selbst wenn er sich bemüht, deutlich mehr zu sein.

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I’m Thinking of Ending Things (2020) – Experimenteller Egotrip, bewegende Seelenschau, surreales Meisterwerk

Just tell your story. Pretty much all memory is fiction and heavily edited. So just keep going. Es gibt ja durchaus so manche Künstler, denen man gerne mal in den Kopf steigen würde, so wie es in Spike Jonzes Being John Malkovich (1999) möglich ist. Der Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman gehört nicht dazu. Das liegt nicht daran, dass sein Inneres uninteressant wäre, ganz im Gegenteil, der Grund dafür ist viel mehr, dass wir regelmäßig einen erstaunlich transparenten Blick in seinen komplexen wie merkwürdigen Verstand erhalten… jedes Mal wenn der gute Mann einen neuen Film veröffentlicht. In Adaption (2002) machte er das noch offensichtlich, indem er sich einfach selbst in den Film hineinschrieb, der eigentlich eine Verfilmung des Romans The Orchid Thief sein sollte. In seinem überragenden Regiedebüt Synecdoche New York (2008) ließ er dann alle Hüllen fallen und generierte ein ebenso episches wie introspektives Drama über Leben und Leid des Künstlers (sich selbst?), und in Anomalisa (2015) entwarf er schließlich die Pathologie einer (seiner?) schizoiden Persönlichkeitsstörung unter der Camouflage einer surrealen Liebesgeschichte. Und auch seinen jüngsten Film – I’m Thinking of Ending Things (2020) – lässt er je nach persönlichem Empfinden zum Egotrip beziehungsweise zur eigenen, eigenartigen Seelenreise mutieren… und dass obwohl dieser zumindest zu Beginn überhaupt nicht danach aussieht.

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Ist „Miraculous – Geschichten von Ladybug und Cat Noir“ die beste animierte Kinderserie, die es aktuell da draußen gibt?

Ja, mein Gott, wie soll ich – wenn ich schon so eine steile These aufstelle – diesen Text anders betiteln als mit einer Suggestivfrage? Um es nicht allzu clickbaity zu machen, folgt die Antwort auf den Fuß: Ja, ja, ja, verdammt nochmal, und nochmal ja. Die französische, italienische, koreanische und japanische Koproduktion Miraculous – den meisten Eltern wahrscheinlich eher unter dem schlichten Titel Ladybug bekannt – ist großartige Kinder- und Familienunterhaltung; und darüber hinaus wahrscheinlich das beste, was man aktuell an kindgerechten TV-Animation geboten bekommt. Und das ist keineswegs selbstverständlich, wenn man einen Blick auf das Gesamtkonzept der Superheldinnenserie wirft. Denn ganz ernsthaft, für wen ist Miraculous gemacht? Für Kinder unter 5 Jahren, die harmlose Comic- und Superheldenunterhaltung brauchen? Für Kids kurz vor der Pubertät, die schon ein wenig in Highschool-Klischees reinschnuppern und gleichzeitig unbekümmerte Action erleben wollen? Für Teenager, die sich die kindliche Freude an albernen Kämpfen gut gegen böse bewahrt haben? Oder gar für Erwachsene, die nach einem expanded universe und vielen Cosplay-Möglichkeiten gieren? Irgendwie für alle und damit zugleich für keine Zielgruppe so richtig. Die Geschichten von Ladybug und Cat Noir sind all over the place, widersetzen sich ziemlich widerspenstig einer klaren Zielgruppenfokussierung und funktionieren gerade deshalb perfekt als Unterhaltung für die ganze – in diesem Fall wirklich ganze – Familie. Aber was macht ihr Zauber aus, warum gehen sie seit fünf Jahren so durch die Decke, und wie schaffen sie es Kita-Pyjamas ebenso zu verkaufen wie Actionfiguren wie überteuerte Sammlerstücke? Zeit dem ungewöhnlichen Mashup aus Fantasy/Action/Romantik/Comedy auf den Grund zu gehen.

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Corona-Soforthilfe? – Der Schacht von Galder Gaztelu-Urrutia

Menschen brauchen in Krisenzeiten Kunst, die ihnen dabei hilft, die Dinge einzuordnen. Sie brauchen Kunst, um zu verstehen, warum die Gesellschaft, warum der Mensch in der Krise funktioniert, wie er funktioniert. Zumindest scheint dies eine einleuchtende Erklärung dafür zu sein, dass ausgerechnet eine spanische Dystopie – El Hoyo (2019) – derzeit so sehr im deutschen/europäischen Netflix trendet. Ohne Corona und all seine Folgen wäre der Schacht womöglich auf dem Streamingservice untergegangen, oder wäre zumindest dazu verdammt gewesen, in der Nische des SciFi-Symbolismus für Freunde von Cube zu verharren. So hat er es aber einmal auf die große Bühne geschafft und es wird fleißig über ihn geredet. Um das gleich vorweg zu nehmen: Um die Gesellschaft in Zeiten von Covid-19 zu verstehen, taugt dieses kleine abstrakte Thrillerdrama nicht. Aber er wirft Fragen auf. Und das sollte jedem Zuschauer auch bewusst sein: Fragen, keine Antworten. Sein Setup ist viel zu abstrakt und zugleich viel zu holistisch um als soziologischer Leitfaden durch das herrschende Chaos, beziehungsweise die herrschende Ordnung zu leiten. Seine Prämisse stürzt sich viel zu dezidiert eben gerade nicht auf die Krise sondern den Normalzustand, um die gesellschaftlichen Folgen von Corona begreifbar zu machen. Und seine Machart ist viel zu offen, viel zu ungestüm, um mehr zu liefern als Gedankensprünge. Aber in dem, was er ist, gelingt es ihm zeitlose Thesen zu entwerfen und diese in einem apltraumhaften Setting auszuloten.

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Aus aktuellem Anlass: Sehenswerte Pandemiefilme

Tja… wollen wir so etwas überhaupt gerade sehen? Gute Frage. Ich denke durchaus. Wenn man schon zu Hause eingeschlossen ist, sei es eine echte Quarantäne wegen einer tatsächlichen Corona-Infektion, sei es wegen der derzeit völlig angebrachten Reduzierung sämtlicher sozialen Kontakte, dann kann man die Zeit auch nutzen, ein wenig in der Filmgeschichte zu stöbern, um aus dieser etwas für die eigene aktuelle Situation zu extrahieren. Denn auch wenn Covid-19 in vielfacher Hinsicht ein absolutes Novum in der Geschichte der viralen Pandemien darstellt, so gibt es Seuchen und den Kampf gegen diese doch so lange es die Menschheit gibt. Und folgerichtig haben sich schon zahllose Kunstschaffende mit dem Thema auseinandergesetzt. Hier also eine kleine, ziemlich subjektive, ziemlich unvollständige Liste an Filmen, die dabei helfen die Zeit ohne Kino zu überbrücken. Beileibe nicht die besten Pandemiefilme aller Zeiten, aber doch eine Kollektion sehenswerter Filme. Eine Kollektion, die taugt, um Panik zu schüren, Panik abzubauen oder einfach ein bisschen tiefer in das Thema „Die Menschen und das Virus“ einzutauchen.

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Sequenz/Verknüpfung/Anarchie – Orphea von Alexander Kluge und Khavn

Wer Alexander Kluges Œuvre in den letzten Jahrzehnten verfolgt hat, weiß, dass er sich schon vor längerer Zeit vom traditionellen cineastischen Erzählen entfernt hat. Unzweifelhaft beeinflusst von seinen Fernseharbeiten mit der dctp ist sein Stil schon lange fragmentarisch, zwischen Fakten und Fiktionen pendelnd und angelehnt an Sehgewohnheiten, die sich im Fernsehen der 80er Jahre entwickelt haben: Kluge liebt den Schnitt zu etwas völlig anderem, er liebt die Verknüpfung von Dokumentation und Fiktion, er liebt die Reihung und das Offenlassen. Kluges segmentierte Filme lesen sich auch immer wie eine Reihung von Cliffhangern, die aufeinander aufbauen, aber nie zu einem Abschluss kommen. Prinzip Serie als Film. Das ist auch bei Orphea (2020) der Fall. Der größte Unterschied zu seinen letzten Werken: Mehr als jemals zuvor muss sich Kluge mit seinem Regiepartner – dem philippinischen Experimentalregisseur und Künstler Khavn – und seiner Hauptdarstellerin, der Schauspielerin und Sängerin Lilith Stangenberg, auseinandersetzen. Denn diese haben ähnliche und doch ganz andere Ziele als die Ikone des neuen deutschen Films.

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