Monat: Juni 2021

Die besten Mysteryfilme der 70er Jahre

Uff… immer wenn ich über Mysteryfilme schreibe, habe ich das Gefühl meine eigene kleine Genredefinition auf eine ganze Reihe von Filmen zu drücken, die dort eigentlich gar nicht dazu gehören. Zumindest wenn ich die englische Wikipedia zum Abgleich heranziehe, trifft das auch durch und durch zu: Dort wird nämlich alles in den Mysterybereich gepackt, was mit klassischen Detektivgeschichten und Murder Mystery Puzzles zu tun hat. Genau diese beiden Variationen habe ich ja bereits in vorangehenden Retrospektiven abgehandelt.

Also an dieser Stelle noch einmal kurz und knapp auf den Punkt gebracht, was für mich in den Mystery-Bereich fällt: Ich bin ein Jugendlicher der 90er Jahre und folgerichtig wurde das Mysterygenre für mich in einem bestimmten filmischen Kontext nahezu inflationär benutzt. Seine Kinder waren Akte X und The Outer Limits. Vielleicht auf Twin Peaks. Auf jeden Fall aber The Sixth Sense, Jacob’s Ladder oder auch Flatliners. Das waren die Filme und Serien denen das Label aufgedrückt wurde und denen ich dann schließlich auch das Label aufgedrückt habe und bis heute aufdrücke. Es handelt sich dabei um Filme, die nicht unheimlich und brutal genug sind, um in den Horrorbereich zu fallen. Filme die nicht märchenhaft, fantastisch genug sind, um Fantasy zu sein, aber eben auch nicht realistisch genug, um in der Thriller-Schublade zu landen. Nicht nur, dass ihnen für diese Kategorie die intensive Spannung fehlt, oft besitzen sie auch eine übernatürliche, spirituelle Komponente, die sie von deren Realismus entfernt. Eventuell angereichert mit Science Fiction Elementen, aber eben doch nicht technologisch, außerirdisch oder futuristisch genug, um diesem Genre zugeordnet zu werden. Für den Surrealismus sind sie in ihrer Handlung zu klar und bodenständig und für das Drama zu abgehoben und transzendental.

Puh… schaut man sich das an, klingt es fast so, als wäre Mystery ein Genre der Defizite. Eine kleine fantastische Resterampe für alles, was zwischen Realismus und Surrealismus, zwischen Crime und Fantasy, Science und Fiction keinen Platz findet. Mystische, mythologische und spirituelle Filme, die sich aber nie auf ein Glaubenssystem festlegen, sondern in Fragezeichen und Chiffren operieren und mit diesen sowohl sanft gruseln als auch verzaubern und das Publikum zum Miträtseln und Mitphilosophieren einladen. Genau auf dieser Resterampe bewegen sich die folgenden – herausragenden Filme: Picknick am Valentinstag und Die letzte Flut als Peter Weirs Auseinandersetzung mit dem Spirituellen in unserer Welt. Herz aus Glas als Werner Herzogs hypnotische Reise ins deutsche Herz der Finsternis. Walkabout als mythischer Trip in die australische Wildnis; Brewster McCloud und The Stepford Wives als satirisch groteske Spielwiesen des Genres; und Die unheimliche Begegnung der dritten Art als Alien-Geschichte, die fast komplett ohne Science Fiction Momentum auskommt. Meinetwegen ist mein Mysterybegriff der Begriff für eine Resterampe; aber eine, auf der es sich herrlich wühlen lässt.

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Die besten Murder Mystery Filme der 70er Jahre

In der Heist-Retrospektive habe ich schon angekündigt, dass ein weiterer Crime-Nachschlag folgt, der sich wie die Heist-Filme nur schwer ins Genre Thriller packen lässt. Hier ist er: Ähnlich wie die Heist-Movies leben auch die Murder Mystery Krimis weniger von der Spannung eines klassischen Thrillers, als viel mehr vom Spaß, den das Aufdecken eines mörderischen Vexierspiels macht. Spaß ist ein wichtiger Faktor für einen gelungenen Murder Mystery Film und zwar in gleich mehrfacher Hinsicht: Zum einen macht es wie gesagt Spaß, beim Zuschauen selbst zum Rätselknacker zu werden. Nicht umsonst werden die Filme auch gerne whodunnits genannt, und im besten Fall kann das Publikum von Anfang an miträtseln, wer denn nun der oder die Schuldige am zentralen Mord sein könnte. Spaß macht es auch, weil Murder Mystery Geschichten im besten Fall in der gehobenen Gesellschaft spielen. Das ist zum einen unterhaltsam, weil es uns das gute Gefühl gibt, dass auch „die da oben“ Dreck am Stecken haben, und zum zweiten sorgt es für eine Menge Stil und visuelle Extravaganz. Wesentlich für den Spaßfaktor eines unterhaltsamen Murder Mystery Schinkens ist zu guter Letzt, dass wir nicht mit einer brutalen Mordserie konfrontiert werden, bei der jeder oder jede das nächste Opfer sein könnte. Das unterscheidet ihn sowohl vom amerikanischen Slasher als auch vom italienischen Giallo, die weniger im komödiantischen und mehr im Horrorbereich beheimatet sind. Auch Psychothriller-Komponenten fallen dadurch praktisch komplett weg. Der oder die Mörder haben meist einen nachvollziehbaren Grund für ihr Handeln, nicht Grausamkeit steht im Mittelpunkt sondern Rachsucht, Geldgier oder ähnliche „menschliche“ Motive. Zu guter Letzt braucht ein packender Murder Mystery noch einen sympathischen Ermittler oder eine sympathische Ermittlerin. Letztere ist im 70er Jahre Kino leider nicht zu finden, da Miss Marple nach einer tollen Reihe mit Margaret Rutherford in diesem Jahrzehnt eine verdiente Pause einlegte. Aber der zweitbeste Ermittler nach Agatha Christie – Hercule Poirot – kriegt in dieser Dekade gleich zwei große Auftritte spendiert: Einmal vor exotischer Kulisse in Tod auf dem Nil, einmal vor extravaganter Kulisse beim Mord im Orient-Express. Auch der Ermittler aller Ermittler kommt in diesem Jahrzehnt zum Einsatz und darf dabei Das Privatleben des Sherlock Holmes dem neugierigen Publikum. Und im aus dem Genre ausbrechenden Mord mit kleinen Fehlern sind dann tatsächlich wir, das Publikum, die Ermittelnden; und zwar sowohl vor als auch während als auch nach dem zentralen Verbrechen.

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Kritik zu Relic – Dunkles Vermächtnis (2020): Wann wird Post-Horror zum Schema?

Post-Horror gehört ohne jeden Zweifel zu den spannendsten Genreentwicklungen der letzten Jahre. Auch auf dieser Seite wurde schon viel über das Subgenre geschrieben und über diverse Filme, die sich diesem mal mehr mal weniger gut zuordnen lassen. Aber wie bei jeder spannenden Genreentwicklung, wie bei jedem kurzfristigen Genretrend, ergibt sich irgendwann die Frage: Wann führt der Versuch dazuzugehören zum Formelhaften? Ab wann wirken Filme des gerade noch frischen Genres plötzlich schematisch? Wann hört die Originalität auf und wann beginnt das Klischee? Diese Fragen können einem unweigerlich im Kopf herumspuken (Pun intended), wenn man sich Relic – Dunkles Vermächtnis (2020) widmet. Denn dieser macht eigentlich alles, was zum Genre dazugehört: Horror als parabolische Auseinandersetzung mit dem emotionalen und psychischen Verfall. Dazu noch in einer kleinen, dysfunktionalen Familie. Garniert mit ein wenig Surrealismus; irgendwo zwischen Psychothriller und übernatürlichem Horror, langsam erzählt und mit radikaler Eskalation im Finale. Also alles so weit so gut. Bleibt die erwähnte Frage: Reicht es auch dieses Mal für gediegenen Horror, oder geht es doch eine Spur zu weit zur Konvention?

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