Schlagwort: 2021

The Last Duel – Ridley Scotts feministischer Vorstoß ins Mittelalter

Es gibt ja Leute, die behaupten, dass Ridley Scott seine beste Zeit als Regisseur hinter sich hat und mittlerweile nicht mehr Garant für gelungene Filme ist. Ich würde dem mal ganz dreist entgegenhalten, dass das Zeitfenster, in dem Scott ausnahmslos herausragende Filme produziert hat, extrem klein ist; fünf Jahre, um genau zu sein. Zwischen den späten 70er und frühen 80er Jahren hat Ridley Scott extrem gute, Genre prägende Filme produziert, namentlich die Sciende Fiction Werke Alien, Blade Runner und den Orwell Apple-Werbespot sowie das Historiendrama Die Duellisten. Und seit dieser Phase ist er – also praktisch seit jeher – ein Hit and miss Regisseur. Für jeden großartigen Film findet man den entsprechenden durchschnittlichen Gegenentwurf, ganz gleich ob in den 80ern, 90ern oder im 21. Jahrhundert. Ja, Prometheus (2012) war wirklich nicht gut, aber waren Die Akte Jane (1997) und Legende (1985) so viel besser? Ja, mit Alien: Covenant (2017) hat Scott der Alien-Reihe einen kleinen Todesstoß versetzt, aber ist ihm der Todesstoß für eine potentiell starke Filmreihe nicht schon 15 Jahre zuvor mit Hannibal (2001) „geglückt“? Bei aller Liebe zum Lebenswerk dieses Regieveteranen: Ob ein neuer Ridley Scott Film ein guter Film wird, muss immer mit einem Fragezeichen versehen werden, egal in welchem Genre er sich gerade herumtreibt. Mit The Last Duel (2021) hat er sich heuer für den Historienfilm entschieden, ein Genre in dem er auch schon mal mehr, mal weniger qualitativ erfolgreich unterwegs war. Und dann auch noch nach einer wahren Begebenheit und mit einer feministischen Thematik. Das Fragezeichen bleibt also erst einmal stehen…

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Die besten Filme 2021: The Power of the Dog – Die Herausforderung der Männlichkeit im Wilden Westen

Deliver my soul from the sword / My darling from the power of the dog

…Und dann kam plötzlich der Spätwestern und hat das gesamte Genre ganz schön durcheinander gewirbelt. Das ist mittlerweile gut 50 Jahre her und trotzdem kann nicht hoch genug eingeschätzt werden, was dieses Subgenre des traditionellen Westerns für diesen und die gesamte Filmwelt getan hat. Nachdem Western als veraltet, verkitscht und einfach nur durchgespielt galten, sorgten die Impulse des Spätwesterns dafür, dass endlich wieder neue Geschichten auf neue Weise rund um den Westen der USA im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhunderts erzählt werden konnte. Und dennoch, so sehr es Alleinstellungsmerkmal des Spätwesterns ist, sich kritisch mit den Tropes des Genres auseinanderzusetzen, so wenig haben dies seine Filme doch an einer ganz zentralen Stelle getan: Den klischeehaften Männlichkeitsbildern, die sich irgendwo zwischen maskulinistisch, machoistisch und schlicht und ergreifend toxisch bewegen. Klar, der Spätwestern hat uns so manchen Antihelden präsentiert, so manchen Verlorenen in der Prärie, so manchen Feigling und Betrüger; aber bestimmte Männlichkeitsideale hat er stets unangetastet gelassen. Und so zeichnet selbst ein Brokeback Mountain (2005), der die homosexuelle Beziehung zweier Cowboys zueinander zum Thema hat, seine Charaktere als markige, die Einsamkeit liebende und zur Gewalt fähige Raubeine, die sich in der Prärie durchschlagen, um ihre Pflichten zu erfüllen; im Grunde genommen also nicht weit weg von dem was ein John Wayne in den 50ern oder ein Clint Eastwood in den 90ern verkörperte. Es ist aber auch wirklich schwer mit dem Bild des traditionellen männlichen Cowboys zu brechen. Wie tut man dies, wenn das gesamte Setting drumherum quasi zur Klischeereiterei einlädt? Eine mögliche Antwort liefert Regisseurin Jane Campion (Das Piano), die mit The Power of the Dog (2021) einen der beeindruckendsten Western der letzten Jahre vorlegt und dabei nichts unversucht lässt, große Fragezeichen an die Klischees und Rollenbilder ihrer archetypischen Figuren anzulegen.

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Die besten Filme 2021: Pig – Nicolas Cage dekonstruiert sein eigenes Genre

Nicolas Cage…. achja, der gute Nicolas Cage! Es gab angeblich (zumindest wenn ich einem meiner cineastischen Weggefährten Glauben schenke) mal eine Zeit, in der ich ihn als besten lebenden Schauspieler bezeichnet habe. Und es gab definitiv eine Zeit in der zu einer Karikatur seiner selbst verkommen ist, den man irgendwie noch Schauspieler nennen mag, allerdings mit der Ergänzung „Was zur Hölle ist das für eine Herangehensweise an diesen Beruf?“. Wie man es auch dreht und wendet, der Schauspieler Nicolas Cage ist ein Phänomen. Eine Naturgewalt, in seinen besten Momenten – unter der richtigen Regie – zu bizarren Extravaganzen in der Lage, larger than Life, Overacting als Grundprinzip, in seinen schlechtesten Momenten – unter der falschen Regie, im falschen Setting, eine groteske Lachnummer, ein Mime, der versucht einen Mimen zu spielen, der groß spielt. Wenn wir Nicola Cages Schauspielkarriere betrachten, können wir wahrscheinlich drei Phasen ausmachen. Und in jeder dieser Phasen finden wir Spuren des großen, übergroßen oder schlicht und ergreifend zu großen Nicolas Cage: Sei es in der oscarreifen Darbietung eines alkoholabhängigen Selbstmörders in Leaving Las Vegas, als Over the Top Actor, der die Mimikry eines anderen Over the Op Actors abliefert in Face/Off, oder sei es als bizarre Verkörperung männlicher Angstprojektion im Horror-Fiasko The Wicked Man. Cage ist immer und zu jedem Zeitpunkt Cage… und dazu gehört eine konstante Zerrissenheit. Aber um dann doch noch mal zu den drei Phasen zurückzukommen: Wir haben die erste Phase in den späten 80ern bis zu den mittleren 90er Jahren, in der er tatsächlich wie ein Revolutionär dramatischer Schauspielkunst wirkte, die zweite Phase, in der er zunehmend in schwachen B-Movies fürs Videothekenregal abgefuckte Action-Antihelden verkörperte (Späte 90er bis frühe 2010er), und jetzt haben wir wohl die mir liebste Phase, in der er frei nach dem Motto „Ist der Ruf erst ruiniert…“ agiert. Hier spielt er mal in billigem Action Trash, mal in faszinierenden Nischenfilmen aus der Midnight Cinema Ecke wie Mandy (2018). Es ist banal, Schauspielern scheint ihm einfach verflucht viel Spaß zu machen, unabhängig von der Qualität der Filme in denen er auftritt. Und so scheint der (immerhin fast 60jährige) Mann derzeit in der Höhe seiner Schöpfungskraft, mit bis zu sieben Filmen im Jahr. Und damit kämen wir dann auch zu Pig (2021), der nicht nur zu den guten Filmen der jüngsten Cage-Schaffensphase gehört, sondern schlicht und ergreifend einer der besten Filme des vergangenen Jahres ist und dazu noch eine leise (!) Dekonstruktion vieler Topoi, die trashigere Nicolas Cage Filme in der Regel so mit sich mitschleppen.

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Sehenswertes aus dem Jahr 2021: Die Ausgrabung von Simon Stone

Die Ausgrabungen von Sutton Hoo aus dem Jahr 1939 gehören zu den großen archäologischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts. Der Fund eines angelsächsischen Schiffgrabs mit zahllosen kulturellen Schätzen hatte einen enormen Einfluss auf unser Verständnis des Frühmittelalters. Dass mit Basil Brown ein engagierter Amateur-Ausgräber für den Fund verantwortlich war, war zudem ein starkes Exempel dafür, dass Leidenschaft und Hingabe beim Forschungsdrang eine traditionelle Hochschulkarriere aufwiegen können. Außerdem zog der Fund eine traurige Geschichte der Nichtbeachtung seines Hebers durch die museale Öffentlichkeit nach sich. Erst viele Jahrzehnte nachdem die Fundstücke dem British Museum gespendet wurden, wurde Brown als Finder anerkannt und entsprechend in der Ausstellung dieser Stücke namentlich genannt und gewürdigt. John Preston verarbeitete in seinem Roman The Dig (2007) diese Geschichte, natürlich mit diversen dramaturgischen Ausschmückungen, einer besonderen Fokussierung, die damit zusammenhing, dass eine der Ausgräberinnen Prestons Tante war, und nicht zuletzt einem gewissen Pathos, der dem Gewicht dieses archäologischen Ereignisses gerecht werden sollte. 2019 schon hat sich die BBC der Verfilmung des Stoffes angenommen. Diese ist im Laufe der vergangenen Jahre (wie so viele Filmprojekte) zu Netflix gewandert, und das Ergebnis ist Die Ausgrabung (2021), ein Drama, das wie seine Vorlage darum bemüht ist, Realität und poetische Verarbeitung in die Balance zu kriegen.

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The Unforgivable (2021) – Nora Fingscheidts Einstand hinter dem großen Teich

Es ist immer ein Grund zur Freude, wenn es deutschen Regisseur*Innen gelingt, international Fuß zu fassen, vor allem wenn diese in den heimischen Produktionen ihr Können unter Beweis gestellt haben. Mit Systemsprenger (2019) gelang Nora Fingscheidt vor zwei Jahren ein enorm großes, realistisches Drama, das hierzulande eine Menge Preise einheimsen konnte und auch als deutscher Vorschlag für den besten internationalen Film an die Academy herangetragen wurde. Leider schaffte er es dort nicht in die engere Auswahl. Trotzdem waren in Folge dessen sowohl der Film als auch seine Regisseurin im nicht deutschsprachigen Raum zumindest Cineasten ein Begriff. Öffneten in diesem Fall früher die traditionellen Hollywood-Filmstudios die Pforten, so sind es mittlerweile Netflix, Amazon und Konsorten, die einen genauen Blick für hoffnungsvolle Nachwuchstalente haben und diesen eine Chance auf dem internationalen Parkett geben. The Unforgivable (2021) war ursprünglich eine britische Miniserie aus dem Jahr 2009. Über einen Zeitraum von zehn Jahren und mehrere kleine Umwege gelangte sie schließlich in die Hand von Sandra Bullocks Produktionsfirma Fortis Films und zum Streaminggiganten Netflix. Und auf diesem Weg gelangte das Regiezepter in Fingscheidts Hände, die damit ihren englischsprachigen Einstand geben darf. Wie bereits gesagt, immer ein Grund zur Freude, aber auch zur Besorgnis; weil das internationale Filmbusiness, egal ob Kino oder Streaming, anderen Gesetzen gehorcht, als der deutsche Autorenfilm…

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Kurzrezensionen: Framing Britney Spears, Army of the Dead, Oxygen, We summon the Darkness

Ich schreibe wirklich gerne positive Dinge über gute Filme. Und da es mir mit der Zeit immer schwerer fällt, negativ oder mit einer gewissen „meehh“-Grundhaltung über schlechte, durchschnittliche oder gerade mal okaye Filme zu schreiben, könnte man zumindest hier im Blog dem Irrtum erliegen, ich würde diese gar nicht mehr zu Gesicht bekommen. Aber tatsächlich sehe ich ne Menge davon, oft mehr als mir lieb ist. Und um dem vielen Überschwang und Lob, die ich hier wöchentlich verteile, ein bisschen Negativität entgegenzustellen, kommt hier mal ne kleine Sammlung von Kurzrezensionen zu ein wenig „Ausschussware“, die ich in den letzten Wochen gesehen habe. Zumindest bei einem Film in dieser Reihe ist der Begriff „Ausschussware“ dann doch ziemlich ungerecht, da für ihn durchaus eine Sehempfehlung ausgesprochen werden kann. Und bei einem zweiten Film reicht es allemal für ein „Kann man machen!“. Ansonsten ist das hier rezensierte Material aber ziemlich unterwältigend. Nichts, was wirklich schlecht wäre, aber auch nichts, was das Publikum umhauen könnte. Aber um wenigstens einmal kurz – zumindest für einen Artikel – im Jahr 2021 wirklich über aktuelle Filme zu schreiben… hier ein paar 2021er Werke, kurz rezensiert, kurz abgefertigt und der Vollständigkeit halber… Viel Spaß.

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Cobra Kai und der amerikanische Traum

Zu den eher älteren, berühmt gewordenen, Youtube-Videos gehört ein nicht ganz fünfminütiges Video-Essay mit dem Titel The Karate Kid: Daniel is the REAL Bully. In diesem knöpft sich J. Matthew Turner den Teenager-Kampfsportklassiker Karate Kid (1984) vor und dreht dessen Handlung einmal von innen nach außen. Karate Kid ist eigentlich die Geschichte des fünfzehnjährigen Daniel LaRusso, der mit seiner Mutter nach Los Angeles zieht und dort Opfer des brutalen Bullys und Karatekämpfers Johnny Lawrence wird. Im Laufe des Films lernt Daniel den Sensei Mr. Miyagi kämpfen und es gelingt ihm mit dessen Hilfe, seine Karatefähigkeiten zu verbessern, neues Selbstvertrauen zu gewinnen und schließlich in einem Karateturnier seinen Widersacher zu besiegen. In Turners Analyse liest sich die Geschichte anders: Daniel ist ein Angeber, der trotz seiner physischen Unterlegenheit Johnny immer wieder provoziert, Mr. Miyagi verprügelt Jugendliche und nur mit unfairer dämonischer Magie können sie schließlich das Turnier gewinnen. Über zehn Millionen Klicks hat das Video seit seiner Veröffentlichung 2015 gesammelt und mit der Hilfe der Serie Cobra Kai (2018) dürften nicht wenige dazugekommen sein. Cobra Kai setzt in unserer Zeit an, gut 45 Jahre nach den Geschehnissen des Films, erzählt jedoch aus einer neuen Perspektive. Protagonist ist dieses Mal Johnny, der Antagonist folgerichtig Daniel. Mit diesem einfachen Kniff wird die Youtube-Serie, die mittlerweile von Netflix übernommen wurde und die dritte Staffel hinter sich gebracht hat, zu einer großartigen Auseinandersetzung mit Nostalgie, Kampfsport und dem amerikanischen Traum.

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Ist „Miraculous – Geschichten von Ladybug und Cat Noir“ die beste animierte Kinderserie, die es aktuell da draußen gibt?

Ja, mein Gott, wie soll ich – wenn ich schon so eine steile These aufstelle – diesen Text anders betiteln als mit einer Suggestivfrage? Um es nicht allzu clickbaity zu machen, folgt die Antwort auf den Fuß: Ja, ja, ja, verdammt nochmal, und nochmal ja. Die französische, italienische, koreanische und japanische Koproduktion Miraculous – den meisten Eltern wahrscheinlich eher unter dem schlichten Titel Ladybug bekannt – ist großartige Kinder- und Familienunterhaltung; und darüber hinaus wahrscheinlich das beste, was man aktuell an kindgerechten TV-Animation geboten bekommt. Und das ist keineswegs selbstverständlich, wenn man einen Blick auf das Gesamtkonzept der Superheldinnenserie wirft. Denn ganz ernsthaft, für wen ist Miraculous gemacht? Für Kinder unter 5 Jahren, die harmlose Comic- und Superheldenunterhaltung brauchen? Für Kids kurz vor der Pubertät, die schon ein wenig in Highschool-Klischees reinschnuppern und gleichzeitig unbekümmerte Action erleben wollen? Für Teenager, die sich die kindliche Freude an albernen Kämpfen gut gegen böse bewahrt haben? Oder gar für Erwachsene, die nach einem expanded universe und vielen Cosplay-Möglichkeiten gieren? Irgendwie für alle und damit zugleich für keine Zielgruppe so richtig. Die Geschichten von Ladybug und Cat Noir sind all over the place, widersetzen sich ziemlich widerspenstig einer klaren Zielgruppenfokussierung und funktionieren gerade deshalb perfekt als Unterhaltung für die ganze – in diesem Fall wirklich ganze – Familie. Aber was macht ihr Zauber aus, warum gehen sie seit fünf Jahren so durch die Decke, und wie schaffen sie es Kita-Pyjamas ebenso zu verkaufen wie Actionfiguren wie überteuerte Sammlerstücke? Zeit dem ungewöhnlichen Mashup aus Fantasy/Action/Romantik/Comedy auf den Grund zu gehen.

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