Schlagwort: Biopic

Die besten Filme 2017: Das baskische Historiendrama „Handia“ (Giant)

Größe ist relativ. In der Wirklichkeit wie im Film. Ein Historienepos kann pompös, kraftmeierisch und atemberaubend daherkommen, in seinem Inneren bei genauerer Betrachtung jedoch eine gähnende Leere offenbaren, die es in sich zusammenfallen lässt. Zugleich kann ein historischer Stoff als leises, poetisches Drama ohne Subtext, ohne tiefergehende Ebene erzählt werden, hinter seinem zurückhaltenden Ästhetizismus jedoch wahre parabolische Größe verstecken. Das spanische Handia (2017) – international als „Giant“ vermarktet – fällt in die zweite Kategorie. Er ist subtil, verlässt sich ganz auf seine ruhigen Bilder, erzählt seine Geschichte ohne große inhaltliche Triebfeder, mag dabei sogar etwas konservativ daherkommen, offenbart aber hinter seiner unscheinbaren Fassade wahre poetische Größe, die ganz und gar zeitlos ist. Das Historiendrama von Aitor Arregi und Jon Garaño atmet den Geist des europäischen Autorenkinos längst vergessener Zeiten, ist in seiner Suche nach dem perfekten Bild, jenseits jeglicher ästhetischer oder narrativer Subversion, fast schon radikal anachronistisch, findet aber bei all seinem inhaltlichen Straucheln genau in den richtigen Momenten genau den richtigen Ton, um zur zeitlosen, aus der Zeit gefallenen Fabel zu werden.

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Die besten Dokumentarfilme der 90er Jahre II

Der zweite Teil unserer 90er-Doku-Retrospektive… Ich fasse mich mal kurz: Gleich dreimal blicken wir hinter die Kulissen der Filmindustrie, leiden und lachen in American Movie mit unabhängigen Filmemachern, erinnern uns mit Werner Herzog an seinen liebsten Feind Klaus Kinski und betrachten in The Celluloid Closet amerikanische Filmgeschichte aus einem anderen Blickwinkel. Zu den cineastischen Dokumentationen gesellt sich die Schönheit der Natur, in einer kurzen Geschichte der Zeit, die Kosmos, Erde und Mensch in das richtige Verhältnis rückt und in Luc Bessons Atlantis, in dem wundervolle Unterwasseraufnahmen auf einen hypnotischen Score treffen. Einmal dokumentarische Vielfalt bitte, nach dem Klick.

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Die besten Dokumentarfilme der 90er Jahre I

Wie schon in der 2000er-Filmretrospektive können wir uns, nachdem wir den fiktionalen Stoff hinter uns gebracht haben, der Realität widmen. Es gab einige großartige Dokumentarfilme in den 90er Jahren, aber ich befürchte auch hier habe ich Nachholbedarf. Die zwölf Filme, die jetzt – und im anschließenden zweiten Teil – folgen sind es aber allesamt wert gesehen zu werden. Es geht hinab in die Tiefen und Untiefen der deutschen Filmgeschichte, festgehalten in einem künstlerischen und menschlichen Porträt Leni Riefenstahls, weit hinein in die Befindlichkeiten Amerikas: Legendäre Boxkämpfe beim Rumble in the Jungle, legendäre Comickunst und Exzentrik von Robert Crumb, legendäre Filmgeschichte bei Francis Ford Coppolas Reise in die Hearts of the Darkness… und daneben gibt es auch noch einen Blick auf die kleinen großen Momente, die Glocken aus der Tiefe des russischen Glaubens und Aberglaubens und die Amerikanischen Träume, die an der harten, kapitalistischen Realität scheitern.

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Die besten Filme der 90er Jahre für Musikliebhaber

Wie schon bei den 00er-Filmretrospektiven gibt es auch für die 90er noch einen kleinen Nachschlag für Musikliebhaber. Warum dieser im Vergleich zu den letzten beiden so dünn ausfällt… I don’t know. Vielleicht waren die 90er im Gegensatz zu den 00ern einfach nicht das große Jahrzehnt für Musikfilme, vielleicht habe ich diesbezüglich auch einfach noch verdammt viel Nachholbedarf. Falls ihr an dieser Stelle also dieses oder jenes Meisterwerk vermisst, habt keine Scheu davor, diese Lücke in den Kommentaren lauthals kundzutun. Nach dem Klick gibts dann erstmal Nostalgie mit den Beatles, ein eindrucksvolles Neil Young Musikerporträt von Jim Jarmusch, Videoclipästhetik auf Filmlänge, Radiohead auf der Suche nach sich selbst, zwei Slacker in  Wayne’s World, sowie Abgesänge auf den Glam Rock, den Grunge und das 18. Jahrhundert.

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Die besten Filmdramen der 90er Jahre VI

Einen haben wir noch… den Letzten, versprochen. Dieses Mal geht es vor allem tief hinein in die weniger hellen und geradezu dunklen Facetten der amerikanischen Gesellschaft. In Dead Man Walking wird mit den Konsequenzen der Todesstrafe gehardert. In The Hurricane und Die Verurteilten wird das Leben der amerikanischen Gefängnisse und der zu Unrecht Angeklagten mit ergreifendem Pathos dokumentiert. Um ganz konkrete Schuld dagegen geht es in dem bitteren und dunklen Copdrama Bad Lieutenant, ebenso wie im pessimistischen Nazidrama American History X. Und wer glaubt, nur die Amerikaner hätten einen an der Klatsche, darf sich in Lars von Triers Idioten eines Besseren belehren lassen.

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Die besten Filmdramen der 90er Jahre III

Wo waren wir noch gleich stehen geblieben…? Genau! Die besten Dramen der 90er Jahre gehen in die dritte Runde. Mit Jonathan Demme und Steven Spielberg fahren wir noch einmal Hollywood-Geschütze auf. Zwei sensible Themen – einmal HIV in Philadelphia, einmal die Vernichtung der europäischen Juden in Schindlers Liste – die für Hollywood-Verhältnisse erstaunlich sensibel, wenn auch nicht ohne Traumfabrik-Pathos, umgesetzt wurden. Aber auch die kleinen Filme abseits des großen Geschäfts kommen zu ihrem Recht: Das furiose Psychogramm Shine, das sarkastische Familiendrama Der Eissturm und Mike Leighs düstere Großstadtapokalypse Nackt beweisen, dass auch jenseits des großen Budgets herausragende Filme produziert werden. Und mit David Lynchs The Straight Story hat sich gar ein Regisseur im Dramen-Genre verirrt, den man dort so gar nicht vermuten würde. Alle Filme, inklusive Kurzreview und Trailer nach dem Klick.

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Die besten Drogenfilme der 90er Jahre

Wir gehen weiter in unserer 90er Retrospektive zu einem wahrscheinlich nur vermeintlich kleinen Subgenre, das in diesem Jahrzehnt omnipräsent war. Drogen waren der Pop dieses Jahrzehnts. Auf die eher düsteren 80er folgte eine hedonistische Dekade, in der möglichst lange, euphorisch und ekstatisch gefeiert wurde. Ectasy wurde schnell zur Modedroge Nummer eins, und ebenso wie sich LSD auf das Wirken vieler Filmemacher der 60er auswirkte, hatten die 90er-Rauschmittel Einfluss auf die Filme ihrer Zeit. Es gab den Heroin-Chic, es gab die Ecstasy-Coolness und die Kokain-Dekadenz. Doch genau wie es in den Kriegsfilmen der Dekade nur selten wirkliche Gewinner gab, sind auch die hier nominierten Filme kein affirmatives Statement für Drogen, sondern spiegeln in ihren besten Momenten all jene Ambivalenz wider, die der Kultur des Rausches seit jeher anhaftet.

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Die besten Filme der 90er Jahre: Hat Forrest Gump da was verloren?

Um erst einmal Klarheit zu schaffen: Natürlich ist Forrest Gump ein absoluter Klassiker des 90er Jahre Kinos… und noch mehr: Robert Zemeckis Tragikomödie von 1994 ist zu einem festen Bestandteil der Filmgeschichte geworden. Allein ein Blick in die Mem- und Zitatenkiste genügt, um sich das deutlich vor Augen zu führen. Sei es die Eröffnungsszene mit der schwebenden Feder, seien es die unzähligen Sätze von „Das Leben ist wie eine Schachtel Pralinen, man weiß nie was man kriegt.“ über „Dumm ist der, der dummes tut.“ bis hin zu „Mein Name ist Forrest Gump. Mich nennen alle Forrest Gump“ oder sei es das prägnante Bild des cleveren Tölpels, der samt Koffer und Pralinenschachtel auf einer Parkbank sitzt. Forrest Gump ist das perfekte Beispiel für eine visuellen, auditive und inhaltliche Memschleuder. Immer wieder gerne zitiert, immer wieder gerne parodiert und regelmäßig in diversen Best-Of-Listen weit vorne. Aber was steckt wirklich in dieser cineastischen Pralinenschachtel?

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Die besten Tragikomödien der 90er Jahre II

Weiter geht es mit dem lachenden und weinenden Auge sowie der Königin aller Genre-Mashups. In dieser Liste taucht gleich zweimal Jim Carrey auf; einmal als unfreiwillig Gefangener in einer dystopischen, gigantischen Reality TV Serie, einmal als Comedylegende Andy Kaufman. Darüber hinaus ein Beitrag zum American Dream der 90er Jahre, der sich nie so ganz zwischen Zynismus und Melancholie entscheiden kann, ein Wes-Anderson-Klassiker und ein gehässiger Brite, der nicht nur Tragikomödie, sondern auch Groteske, Thriller und noch vieles mehr ist.

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Rezension zu Schloss aus Glas (2017)

In ihrem 2005er autobiographischen Roman The Glass Castle verarbeitet die Autorin Jeannette Walls Episoden ihrer Kindheit, die vor allem von dem unkonventionellen Lebensstil ihrer Eltern geprägt war. Ihre künstlerisch besessene Mutter und ihr bipolarer, alkoholabhängiger Vater entschieden sich bewusst – aber auch aus Unfähigkeit heraus, ihr Leben in geregelte Bahnen zu lenken – für ein Outsider-Dasein am Rande der Gesellschaft; irgendwo zwischen Freiheit und Vagabundiererei, irgendwo zwischen rebellischer Unangepasstheit, radikalem Idealismus und Verwahrlosung. Die gleichnamige Verfilmung aus dem Jahr 2017 versucht dieser ambivalenten Autobiographie gerecht zu werden und landet dabei in einer durchaus trendenden Nische von Outlaw-Familien-Geschichten, die zum Beispiel durch das Sozialmärchen Captain Fantastic (2016), die Tragikomödie Little Miss Sunshine (2006) oder das Drama Manchester by the Sea (2016) in den letzten Jahren immer wieder für starkes emotionales Kino gut waren. Und zugleich versucht er sich von dem oft romantisierenden Touch seiner Vor- und Mitläufer abzuheben.

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Die besten Mafiafilme der 90er Jahre

Exklusives Subgenre auf mehreren Ebenen: Mafiafilme bewegen sich oft zwischen großem Epos, spannendem Thriller, komplexem menschlichen Drama und machen im besten Fall in all diesen Ligen eine hervorragende Figur. In den 90ern reichte es dann tatsächlich auch für so viel Gutes, dass sie einen eigenen Artikel verdienen. Wer „Miller’s Crossing“ und „Carlito’s way“ vermisst, die gibt es hier. Fragt nicht nach Konsistenz…

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Die besten Epen und Historienfilme der 90er Jahre

Wie schon im letzten Jahrzehnt sind die Epen als Filmgenre schwer zu greifen: Groß, bombastisch, pompös, meist historisch, oft bilderverliebt und grundsätzlich immer mit gigantomanischem und universellen Anspruch. Manchmal eskapistisch, manchmal aber auch düster und realistisch, manchmal sogar introspektiv… Aber irgendwie immer ein bisschen größer (und oft genug länger) als das, was es sonst im Kino zu sehen gibt. Here they come…

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Rezension zu Professor Marston and the Wonder Women

Der Versuch DCs ein Cinematic Universe – ähnlich den Marvel-Filmen – aufzubauen, ist bisher weder bei Kritikern noch bei Zuschauern auf besonders viel Gegenliebe gestoßen. Eine Ausnahme bildete die 2017er Verfilmung des Wonder Woman Stoffes, die für manche Kritiker gar zu den besten Superheld*innen-Verfilmungen des Jahres gehörte und obendrein von manchen gar als erste wirklich feministische Comicverfilmung betrachtet wurde. Damit scheint ein Film über die Ursprünge der Figur genau zur richtigen Zeit zu kommen, insbesondere wenn sich diese nicht nur um den Mythos rund um die Entstehung der berühmten Heldin kümmert sondern zudem Parallelen zwischen dem progressiven Leben ihres Schöpfers sowie der beiden Hauptinspirationsquellen der starken Figur und den Bildern der Comic-Franchise zieht. Insbesondere unter dem griffigen Label: Ein Film über die Frauen hinter dem Mann hinter der Frau…

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Die besten Filme der 2000er Jahre für Musikliebhaber I

Ein kleiner cineastischer Nachschlag für alle Musikliebhaber und Nerds da draußen. Sowohl Fiktionales als auch Dokumentarisches. Aber immer mit der Musik im Zentrum… oder dem Lebensgefühl, das sie vermittelt. Fans und Künstler, Nostalgisches und Hippes. Und weil man so viel über Musik drehen und noch mehr schreiben kann, unmöglich in einen Artikel zu quetschen. Daher in Kürze ein zweiter Teil. Die ersten besten Filme für Musikliebhaber direkt nach einer kurzen WordPress-Bridge…

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Die besten Tragikomödien der 2000er Jahre I

Falls die Genre- und Gattungspräferenzen der 00er Retrospektiven noch unklar waren, sollten sie so langsam Kontur gewinnen. Nach der äußerst dünnen Action– und Komödienausbeute bekommen die tragikomischen Filme, die Dramödien und Tragikomödien mit einem lachenden und weinenden Auge gleich zwei Artikel spendiert. Vieles  Gutes hat uns aus diesem Genre im vergangenen Jahrzehnt erreicht, sowohl aus den USA als auch vom Rest der Welt. Man durfte lachen, man durfte weinen, man durfte hervorragende Filme genießen. Die ersten mal bitter mal komischen Werke folgen auf den Fuß. Teil 2 wird so schnell wie möglich nachgereicht.

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