Kategorie: Genres

Borat: Anschluss Moviefilm (2020) – Kein guter, aber ein sehenswerter Film

Rudy Giuliani, republikanischer Politiker, ehemaliger Bürgermeister von New York, Anwalt und Rechtsberater von Donald Trump liegt auf dem Bett eines Hotelzimmers. Über ihn gebeugt ist eine junge Frau, die ihm anscheinend dabei hilft, ein Ansteckmikrofon abzulegen. Und dann passiert es. Entspannt lehnt sich Giuliani zurück und greift tief in seine Hose mit anscheinend ziemlich eindeutiger Absicht. Bevor diese irritierende Szene weitergehen kann, wird sie auch schon gestört. Ein in Reizwäsche gekleideter Borat (Sacha Baron Cohen) stürmt in das Zimmer und schreit Giuliani an, die Frau sei 15, sie sei zu alt für Rudy. Er Borat würde sich an ihrer statt dem mächtigen, alten Mann hingeben. Giuliani ist verwirrt, ruft seine Security-Leute, und Borat und seine Filmtochter fliehen. Man kann es drehen und wenden, wie man will: Diese kurze Episode ist nicht nur der neue Film Sacha Baron Cohens in a Nutshell, er ist auch sein zentraler Moment, sein größter Aufreger, seine Berechtigung und vermutlich auch sein stärkstes Erbe. Da kann Cohen noch so viele (insgesamt neunzig) Minuten drumherum packen, wer Borat Anschluss Moviefilm (2020) – eine Quasi-Fortsetzung von Borat – Kulturelle Lernung von Amerika, um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen (2006) – sehen will, tut dies vor allem wegen dieser einen Szene, die schon vor der Premiere der Mockumentary auf Amazon Prime keine zwei Wochen vor der US-Wahl 2020 für einige mediale Aufregung sorgte. Dementsprechend wird dieser neue Borat-Streich wohl nie ganz die Verknüpfung mit dem kleinen Giuliani-Skandal loswerden, selbst wenn er sich bemüht, deutlich mehr zu sein.

Weiterlesen

Knives Out (2019) – Endlich mal wieder ein sehenswertes Murder Mystery Puzzle

Psst… Heh, du! Ja, genau du. Bist du nicht der riesige Agatha Christie und Arthur Conan Doyle Fan, der vor kurzem darüber jammerte, dass Krimis nicht mehr das sind, was sie mal waren? Ja, ja, ja, ich weiß. Es sieht derzeit ziemlich traurig aus auf dem Gebiet. Weder die Sherlock Holmes Serie noch die andere Sherlock Holmes Serie geschweige denn der Guy Ritchie Film konnten die Atmosphäre der großartigen Whodunit-Rätsel der Klassiker vernünftig einfangen. Und überhaupt, gibt es im Genre überhaupt noch was vernünftiges zu finden, wenn man Spaß am Rätseln hat? Wo sind sie, die verwobenen Miss Marple-, Hercules Poirot- oder Sherlock Holmes-Abenteuer? Die Geschichten an deren Beginn eine Leiche steht und ein Dutzend Verdächtige? Die Filme, in denen es jeder hätte sein können, und der aufmerksame Zuschauer am Ende triumphierend ausrufen darf: „Hah! Ich wusste es!“? Nichts mehr davon zu sehen! Die einzigen brauchbaren Murder Mystery Filme der letzten Jahrzehnte waren ausgerechnet die Slasher-Vertreter. Aber ganz im Ernst, wir wollen kein Blut, keine Gewalt und keinen Horror. Wir wollen einfach nur ein schönes Rätsel mit skurrilen Charakteren in gediegener Atmosphäre. Eine einzige Leiche reicht völlig, und ein intelligenter Detektiv beziehungsweise eine intelligente Detektivin. Den Rest sollen der Plot und unsere Spürnasen übernehmen. Psst… Ich habe hier was für dich, für uns: Knives Out (2019) von Rian Johnson, dem es vor 15 Jahren mit dem Neo Noir Thriller Brick, ja schonmal gelang, ein totgeglaubtes Genre zu reanimieren, ebenfalls ein Krimi-Subgenre, und ebenfalls mit der richtigen Mischung aus Tradition und Dekonstruktion. Da kann doch eigentlich nichts schief gehen…

Weiterlesen

Die besten Natur- und Tierhorrorfilme der 70er Jahre

Nachdem in der ersten 70er Jahre Horror-Retrospektive die Wissenschaft und Technik im Fokus standen, ganz konkret im Genre des SciFi-Horrors, kommen wir nun zu dessen radikalem Gegenstück, dem Horror, der in der Natur beheimatet ist. Natürliches und Kreatürliches, unabhängig vom sowie gefährlich für den Menschen; oft älter und stärker als unsere Spezies: Es geht um mordende Haie, blutdurstige Fische, schreckliche Insekten und Wurmplagen, und zumindest in einer Inkarnation auch um die Verbindung von Mensch und Tier. Jaws gehört ohne Zweifel zu den Klassikern des Genres, aber auch sein trashiger Gegenentwurf Piranha ist deutlich besser, als man von einem Low Budget Plagiat erwarten dürfte. In Phase IV bedrohen Ameisen die Menschheit und in Squirm sind es fleischfressende Regenwürmer. Die Wild Card dieser Liste kommt in Gestalt des Werwolf-Mystery-Schinkens The Beast must die. Und die Honorable Mention eines alles andere als guten – dafür aber umso unterhaltsameren – Films kann ich mir in dieser Bestenliste auch nicht verkneifen. In Night of the Lepus sind es nämlich Killerkaninchen, die das Schicksal der Menschheit bedrohen. Und allein das ist schon eine Erwähnung dieses naiven Trash-Überfliegers wert. Viel Spaß beim manchmal unheimlichen, manchmal mysteriösen, manchmal albernen Angriff der Natur auf den Menschen.

Weiterlesen

Jojo Rabbit (2019) und die Transzendenz der Hitler-Parodie

Der jüngste Film des Regisseurs Taika Waititi Jojo Rabbit (2019) ist keine Hitler-Parodie. Diese Feststellung scheint erst einmal kontraintuitiv, darf doch Adolf Hitler auf dem offiziellen Kinoplakat mit alberner Grimasse dem jungen Protagonisten Hasenohren zeigen. Und in den Trailern zu dem Film scheint seine Figur auch mehr als prominent platziert. Aber nein, Jojo Rabbit ist weder Parodie noch Travestie des wohl berühmtesten Tyrannen in der Geschichte der Menschheit. Stattdessen gelingt der im Nationalsozialismus angesiedelten Komödie etwas anderes, etwas viel wichtigeres: Sie nimmt sich den Kult um die Person Hitler zur Brust und transzendiert diese. In ihrem Mittelpunkt steht nicht die Veralberung des Bösen sondern viel mehr eine Veralberung von dessen Überhöhung, von dessen Glorifizierung. Wenn überhaupt, dann ist Jojo Rabbit eine Auseinandersetzung mit der Hitler-Rezeption, eine Auseinandersetzung, die ebenso historisierend wie ahistorisch daherkommt. Sie ist ein Spiel mit der Ästhetik des Nationalsozialismus und ein bisschen auch ein poppiger „Was wäre wenn…“-Entwurf. Was ihr in diesem Spiel gelingt ist dabei deutlich mehr wert, als das, was unzählige Hitler-Parodien in den letzten Jahrzehnten versucht haben: Sie macht mit den Mitteln des heutigen Pop die Hitlerverehrung nachvollziehbar, weckt sogar Empathie für die Hitlerverehrer und lässt den historischen Nationalsozialismus dadurch so nah erscheinen, wie er schon lange nicht mehr war.

Weiterlesen

Die besten SciFi-Horrorfilme der 70er Jahre

In der letzten Science Fiction Bestenliste der 70er Jahre habe ich noch darüber lamentiert, dass ich nicht weiß wo ich Alien einsortieren soll. Science Fiction? Horror? Slasher? Dabei ist die Antwort so simpel: In allen drei Genres. Und Ridley Scotts Horrorfilm im Weltraum ist keineswegs der einzige Genreüberflieger der Dekade. Wie sich herausstellt gibt es genug Hybriden aus Science Fiction und Horror, um damit eine eigene Liste zu füllen. Neben Weltraummonstern, die selbst auf Opferjagd gehen, gibt es auch noch die Aliens, die sich eine menschliche Fassade suchen, um ihren Blutdurst zu stillen: Dazu gehören vor allem die Bodysnatcher aus Die Körperfresser kommen. Die unheimliche transzendentale Psychose in God Told Me To dagegen lässt den Menschen selbst zum Killer im außerirdischen Auftrag werden. Ansonsten ist vor allem die medizinische Forschung, ist der medizinische Fortschritt eine Ursache für visionären Schrecken. In Embryo – Brut des Bösen entstehen durch medizinische Experimente unheimliche Wesen, und in Shivers – Parasiten-Mörder wird der Mensch, heimgesucht von gezüchteten Parasiten, selbst zum Monster. Düstere zukünftige Aussichten…

Weiterlesen

Patti Cake$ – Queen of Rap (2017): Deutlich mehr als ein weiblicher 8 Mile

Zwei Genres, die spätestens seit den 80er Jahren oft eng miteinander verwandt sind, sind der Musikerfilm und der Sportlerfilm. Zumindest wenn es um die klassischen Aufsteigergeschichten geht: Ein Sportler oder eine Sportlerin, ein Musiker oder eine Musikerin, gerne mit Außenseiterstatus und aus schwierigen Verhältnissen stammend kämpft für einen meistens kleinen, manchmal auch größeren Erfolg. Oft sind es Geschichten aus der Arbeiterklasse, vom White Trash, von Menschen am Rande der Gesellschaft: Rocky, der als einfacher Arbeiter und Amateurboxer die einmalige Chance für einen Weltmeisterkampf erhält, Eminem, der sich als weißer Detroiter bei einem großen Battlerap-Contest Ansehen in der Szene errappt. Alex, eine Schweißerin, der es gelingt bei einem renommierten Konservatorium vorzutanzen, Hilary Swank als Kellnerin, die durchs Boxen zum Million Dollar Baby wird. Die Parallelen sind vielfach gegeben: Es geht um den Kampf gegen die widrigen Umstände, in denen man lebt, auch ein wenig um den amerikanischen Traum, meist ist der Erfolg gar nicht so wichtig sondern das Streben nach mehr: Eminem wird in 8 Mile kein Rap-Superstar sondern verschafft sich einfach Respekt bei einem lokalen Battle, Rocky darf den entscheidenden Kampf verlieren und bei Million Dollar Baby endet die Karriere sogar in der Katastrophe. Es ist nicht wichtig, mehr zu bekommen, sondern mehr zu wollen… das ist es, was uns diese Filme erzählen. Genau in diese Sparte fällt auch die Coming-of-age Tragikomödie Patti Cake$ – Queen of Rap (2017), die Geschichte einer Rapperin, die ganz weit unten lebt, die Hoffnung und den Kampf für etwas Besseres, Größeres aber nie aufgibt.

Weiterlesen

Dystopischer Action-Spaß: Hotel Artemis (2018)

Die John Wick Trilogie hat eine Spur im aktuellen Actionkino hinterlassen, deren Folgen noch nicht ganz abzusehen sind, die aber nur zu begrüßen ist. World Building scheint plötzlich der heißeste Scheiß zu sein. Nachdem die 2010er Jahre actiontechnisch dominiert worden waren von lauten, bunten Marvel-Flicks auf der einen Seite und grimmigen – oft unfreiwillig komischen – Rescue- und Revenge-Actioneers auf der anderen, hat sich Dank John Wick eine neue Form der Fantastik ins Genre eingeschlichen. Ein guter Actionfilm darf endlich wieder mehr sein als Comic-Revue, Michael Bay Porno oder generische Entführungsgeschichte: Plötzlich wollen Actionfilme Welten entwerfen, deren Beschaffenheit peu à peu entblättert wird und die sich damit genug Mysterium für potentielle Fortsetzungen bewahren. Einer der Vertreter dieser New Wave of Action ist Hotel Artemis (2018) von Drew Pearce. Pearce hat durchaus Erfahrung mit dem Genre, zeichnet er sich doch als Drehbuchautor für Iron Man 3, Mission Impossible – Rogue Nation und Fast & Furious: Hobbs & Shaw verantwortlich, also für eine große Bandbreite an Actionfilm-Varianten, die in den letzten Jahren im Kino zu sehen waren. Bleibt die Frage, ob er mit seinem Regie Debüt auch als fantastischer World Builder überzeugen kann…

Weiterlesen

Die besten Filme 2019: Porträt einer jungen Frau in Flammen von Céline Sciamma

Können wir nochmal festhalten, dass das Filmjahr 2019 unfassbar stark war? Gut, 2020 war cineastisch gesehen – aus Gründen – ein komplettes Fiasko, aber das Vorjahr hat derart überzeugend abgeliefert, dass die derzeitige Kino-Nullrunde zumindest dem Publikum fast nichts ausmachen sollte. Ich habe es jedenfalls immer noch nicht ganz geschafft, all die großartigen Filme zu schauen, die letztes Jahr die Lichtspielhäuser zum ersten Mal beglückt haben. Einer dieser Filme ist Céline Sciammas Porträt einer jungen Frau in Flammen (2019), von der Kritik hochgelobt und auch den Kinokassen mindestens mit einem Achtungserfolg – zumindest für dieses Genre – gesegnet: Portrait de la jeune fille en feu, so der wunderschöne Originaltitel, ist ein Historical Period Drama wie es im Buche steht. Weit entfernt von Pomp und Glamour eines Kostümfilms, aber auch weit entfernt vom globalen Blick eines Historienepos‘ erzählt der Film vor der Kulisse des ausgehenden 18. Jahrhunderts eine Geschichte um Liebe und Begehren und einen sehr spezifischen Blick, der den Mythos des Orpheus aus den Angeln hebt.

Weiterlesen

A Bigger Splash (2015) – Die Erotik und die dunklen Kehrseiten der Dekadenz

Kaum einem filmischen Genre wird derart viel Unrecht angetan wie dem Erotikfilm, sowohl von produktiver als auch von rezeptiver Seite. Auf rezeptiver Seite hätten wir zum einen das Publikum, für das Erotikfilme primär Nummernrevuen für die schnelle Befriedigung nachvollziehbarer Bedürfnisse darstellen, zum zweiten hätten wir da die Filmkritik, die verächtlich auf die vermeintlichen Pseudofilmchen schaut, die für nichts anderes als die Befriedigung eben jener Bedürfnisse da seien und darüber hinaus keinen besonderen Wert haben. Aber die Produktionsseite ist natürlich nicht unschuldig an dieser Wahrnehmung, wurden doch gerade in der Hochzeit des Erotikfilms von den 70ern bis in die 90er Jahre zahllose plumpe B-Movies gedreht, die in der Tat nichts anderes als die Aneinanderreihung von Nacktheiten und Sexszenen darstellten. Es geht auch anders: Erotikfilme können beides, sowohl erotische Ästhetik als auch Inhalte transportieren. Die Physische Lust in den Mittelpunkt rücken und dennoch eine Geschichte erzählen oder sogar über einen Subtext nachdenken. Nur sind sie eben leider rar, die guten, faszinierenden, mitreißenden erotischen Filmperlen. A Bigger Splash (2015) von Luca Guadagnino ist ein solch seltenes Schmuckstück. Ein Film über Genuss und Lust, über Erotik und Sex, aber auch ein Film über das Unheil, über die Abgründe, die hinter der Dekadenz lauern.

Weiterlesen

Die besten Science Fiction Filme der 70er Jahre IV

Man könnte meinen, mit Star Wars wäre der Science Fiction der 70er Jahre zu einem Höhepunkt und vorläufigen Ende gekommen. Dem ist keineswegs so. Auch wenn die Space Opera einen tiefen Schnitt im Genrekino hinterlassen hat, so gab es auch nach ihm Traditionelles sowie Neues, das von Geoorge Lucas‘ Sternenepos so weit entfernt ist, wie es nur sein kann. In unserer letzten SciFi-Retrospektive der 70er Jahre finden wir dementsprechend auch nur einen Star Wars Epigonen, den ebenso fidelen wie naiven Versuch der japanischen Toho-Studios ein fantastisches Weltraumepos zu erschaffen, Der große Krieg der Planeten. Als Vertreter des traditionellen SciFi-Kinos kann man wohl Futureworld interpretieren, das den dystopischen Klassiker der frühen 70er Jahre Westworld raffiniert weiterdenkt. Alles andere als traditionell sind die beiden großen SciFi-Horror-Entwürfe: Alien, dessen Einfluss auf das zukünftige Science Fiction Kino mindestens ebenso groß war wie der von Star Wars, und Des Teufels Saat, der die Beziehung zwischen Mensch und Maschine auf ein ganz neues Level hebt. Und auch dieses Mal haben sich zwei Wildcards eingeschlichen: Aus der Sowjetunion kommt mit Stalker einer der faszinierendsten philosophischen Zukunftsentwürfe aller Zeiten, in Der Mann, der vom Himmel fiel darf David Bowie unter Beweis stellen, dass in seinem Starman-Image deutlich mehr Substanz steckt, als man auf den ersten Blick vermuten könnte.

Weiterlesen

Die besten Science Fiction Filme der 70er Jahre III

Wir sind endlich in der Mitte der Dekade angekommen und damit auch beim Genre-definierenden Schwergewicht, der Space Opera Star Wars, nach der Science Fiction im Kino nie wieder das sein sollte, was es zuvor war. Und gleich daneben finden wir dann auch Disneys Versuch einen Star Wars Konkurrenten zu schaffen: Das schwarze Loch, ein Film, der immer noch viel zu wenig Beachtung erhält und deutlich besser als sein Ruf ist. Davor werfen wir aber noch einmal einen kurzen Blick in dystopische Welten: Einmal als raues und rohes Actionspektakel in Rollerball, einmal als klinische Schreckensvision mit der Flucht ins 23. Jahrhundert. Achja, und ein wenig Zeitreisesspaß gab es in dem Jahrzehnt auch, hier vertreten mit H.G. Wells und einer Flucht in die Zukunft.

Weiterlesen

Die besten Filme 2017: The Wild Boys von Bertrand Mandico

Also gut, reden wir über den Experimentalfilm. Ein Genre das, zumindest wenn es nach der deutschen Wikipedia geht, gar nicht existiert (dort wird der englische Artikel zum Experimentalfilm immer noch ziemlich schnodderig mit Avantgardefilm übersetzt). Experimentelle Filme gehen über das hinaus, was übliche Sehgewohnheiten betrifft, sie transzendieren das Medium, zerreißen es, und stellen so eine Herausforderung für ihr Publikum dar. Wen oder was man zum Experimentalfilm zählen könnte, darüber lässt sich vermutlich lang und breit diskutieren. Genügt es schon, eine surreale Handlung aufzubauen, wie dies zum Beispiel David Lynch tut? Oder ist dieser mit seinen düsteren Mysterythrillern doch zu konventionell, um hier einen Spot zu verdienen? Muss es gleich die komplette Zertrümmerung des Mediums sein, wie zum Beispiel in den Kurzfilmen des 80er Jahre Transgressive Movies, oder gibt es doch irgendwas dazwischen? Ist Tarkowski ein Experimentalfilmregisseur, ist Bergman einer? Was ist mit den Nouvelle Vague Autorenfilmern oder den Ikonen des Neuen Deutschen Films? Ist gleich alles experimentell, was neu und ungewohnt ist? Dann könnten ja sogar Filme wie Blairwitch Project in der Kategorie landen. Nee, irgendwie kann es das nicht sein, und vielleicht ist eine Stärke der Schublade Experimentalfilm, dass sie ebenso wie die ihr zugehörigen Filme vage und abstrakt bleibt, dass sich vieles und gar nichts in sie hineindeuten lässt. Fest steht jedenfalls, dass experimentelle Filme nur selten ein größeres Publikum erreichen, sind sie doch einfach zu anstrengend, zu konfus, zu unorthodox, um über die Nische hinaus Eindruck zu hinterlassen. Dieses Schicksal blüht wohl auch Bertrand Mandicos Langfilmdebüt The Wild Boys (2017), der so ziemlich alle Zutaten für einen abgehobenen Film zwischen Experiment und Avantgarde besitzt. Ihn in dieser Nische zu lassen, täte diesem mitreißenden Meisterwerk allerdings Unrecht…

Weiterlesen

Die besten Science Fiction Filme der 70er Jahre II

Wir nähern uns weiter in Trippelschritten dem Epizentrum des 70er Jahre Science Fiction Kinos mit der großen Space Opera Star Wars und ihren Epigonen. Jetzt wird es aber erst einmal dreckig und dystopisch: Soylent Green wirft einen Blick auf eine überfüllte, verarmte Gesellschaft in einem fiktiven Jahr 2022. In Mad Max sind die Straßen Australiens von Anarchie und Gewalt heimgesucht und in Der Junge und sein Hund und The Noah ist die Erde Dank eines nuklearen Krieges gleich komplett out of order. Etwas ambivalenter ist die Zukunftsvision Westworld, in der die Eskalation eines technischen Fortschritts, der sich gegen die Menschen richtet, in den Mittelpunkt gerückt wird. Und Dark Star gelingt mit einer ähnlichen Thematik eine ganz und gar verzückende Parodie auf 2001 – Odyssee im Weltraum, die allerdings nicht zum albernen Spoof-Fest verkommt, sondern spannend und düster genug ist, um auch als grotesker Science Fiction Trip zu funktionieren. Die fiktive Zukunft der 70er Jahre ist rau und erbarmungslos, sie zu erleben ist auch heute in der realen Zukunft noch fesselnd und mitreißend.

Weiterlesen

Die besten Science Fiction Filme der 70er Jahre I

Über das fantastische Kino der 70er Jahre zu reden, bedeutet über den Science Fiction Film zu reden. Punkt. Nach dem Wettlauf ins All der beiden vergangenen Jahrzehnte und der ersten Mondlandung des Menschen 1969 war die Menschheit West wie Ost beseelt von dem Gedanken, neue Welten zu erobern, ins Unbekannte aufzubrechen und den Weltraum zu kolonialisieren. Mit den Schattenseiten dieses Enthusiasmus setzen sich unter anderem der Pandemie-Film Andromeda – Tödlicher Staub aus dem All und das philosophische SciFi-Drama Solaris auseinander. Ein zweites großes Faszinosum des 70er Jahre Science Fiction war der gesellschaftliche Status Quo, vor allem die potentielle Festzementierung von diesem in autoritären Staaten. Die Dystopien der 70er Jahre hatten weniger Angst vor einem möglichen Ende der Menschheit, als viel mehr vor einer Gefangenschaft in einem festgefahrenen Utopia/Dystopia. Der wütendste, diversifizierteste Aufschrei gegen eine solche Stagnation ist wohl Stanley Kubricks Uhrwerk Orange, während George Lucas‘ Filmdebüt THX 1138 einen deutlich fokussierteren Umgang mit dem Thema politische Dystopie an den Tag legt. Im Flucht vom Planet der Affen schließlich wird beides vermählt: Die Faszination vom Weltall und die Angst vor einer faschistoiden Gesellschaft, das ganze allerdings – ungewöhnlich für diese Zeit – mit einer Menge Ironie und erstaunlich selbstreflektierter Medienkritik.

Die 70er Jahre waren ein großartiges Jahrzehnt für das Science Fiction Genre. Viel Spaß mit den herausstechendsten Werke der ersten beiden Jahre der Dekade.

Weiterlesen

I’m Thinking of Ending Things (2020) – Experimenteller Egotrip, bewegende Seelenschau, surreales Meisterwerk

Just tell your story. Pretty much all memory is fiction and heavily edited. So just keep going. Es gibt ja durchaus so manche Künstler, denen man gerne mal in den Kopf steigen würde, so wie es in Spike Jonzes Being John Malkovich (1999) möglich ist. Der Drehbuchautor und Regisseur Charlie Kaufman gehört nicht dazu. Das liegt nicht daran, dass sein Inneres uninteressant wäre, ganz im Gegenteil, der Grund dafür ist viel mehr, dass wir regelmäßig einen erstaunlich transparenten Blick in seinen komplexen wie merkwürdigen Verstand erhalten… jedes Mal wenn der gute Mann einen neuen Film veröffentlicht. In Adaption (2002) machte er das noch offensichtlich, indem er sich einfach selbst in den Film hineinschrieb, der eigentlich eine Verfilmung des Romans The Orchid Thief sein sollte. In seinem überragenden Regiedebüt Synecdoche New York (2008) ließ er dann alle Hüllen fallen und generierte ein ebenso episches wie introspektives Drama über Leben und Leid des Künstlers (sich selbst?), und in Anomalisa (2015) entwarf er schließlich die Pathologie einer (seiner?) schizoiden Persönlichkeitsstörung unter der Camouflage einer surrealen Liebesgeschichte. Und auch seinen jüngsten Film – I’m Thinking of Ending Things (2020) – lässt er je nach persönlichem Empfinden zum Egotrip beziehungsweise zur eigenen, eigenartigen Seelenreise mutieren… und dass obwohl dieser zumindest zu Beginn überhaupt nicht danach aussieht.

Weiterlesen

Die besten Fantasyfilme und Märchen der 70er Jahre III

Fantasyfilme der 70er Jahre, die Dritte. Dieses Mal mit einem kleinen europäischen Übergewicht: Fehlen darf hier natürlich nicht die wundervolle – zwischen Bühne und Film oszillierende – Verfilmung der Zauberflöte von Ingmar Bergman. Ebenso gibt es eine erneute Begegnung mit dem osteuropäischen Märchenfilm. Dem maritimen Hans Christian Andersen Klassiker begegnen wir dabei so gar gleich zweimal. Die kleine Meerjungfrau besucht uns aus der Tschechoslowakei, während Die traurige Nixe als russische Variante des traditionellen dänischen Märchens vorbei blickt. Die Hammer-Studios dürfen mit Als Dinosaurier die Erde beherrschten tief in die Trickkiste der damaligen Special FX Welt greifen, und ein Amerikaner hat sich dann doch noch in die Liste verirrt. King Kong war damals kein Kritikerliebling und musste sich vielfach den Vergleich mit dem Film aus den 30ern gefallen lassen. Retrospektiv entpuppt aber auch er sich als atemberaubende Mischung aus Fantasy, Horror und großem Hollywood-Leinwandspektakel.

Weiterlesen

I Don’t Feel at Home in This World Anymore (2017) – Coens in XX

Die Krankenpflegerin Ruth Kimke (Melanie Lynskey) fühlt sich in dieser Welt nicht mehr zu Hause. Zurecht. Ist sie doch alltäglich konfrontiert mit der Rücksichtslosigkeit, dem Egoismus und der Aggression ihrer Mitmenschen. Und dann wird auch noch bei ihr eingebrochen und ihr Laptop sowie das geliebte Silberbesteck ihrer Großmutter gestohlen. Die Polizei scheint sich wenig um Ruths Verlust zu kümmern und so begibt sie sich selbst auf die Spurensuche nach den Dieben. Unterstützt wird sie dabei von ihrem exzentrischen Nachbarn Tony (Elijah Wood) und schon schnell kommen die beiden den mutmaßlichen Einbrechern auf die Schliche. Sie ahnen jedoch nicht, mit welch brutalem Schlag Mensch sie sich damit anlegen.

Weiterlesen

Vivarium (2019) und der Horror der Vorstadt

Wenn es nach dem US-amerikanischen Kino geht, sind die Suburbs der Ort, an dem Träume wie Menschen sterben. Ein ganzes Subgenre des Horrorkinos der 80er Jahre – der Slasher-Film – lebte davon, dass sich anonyme Serienkiller in den hübschen Vorgärten verstecken konnten, um nachts die ebenso hübschen wie gleichgeschalteten Häuser heimzusuchen. Regisseure wie Sam Mendes nutzten den Mief des vermeintlich glücklichen Ortes, um große menschliche Tragödien zu erzählen, von American Beauty bis Zeiten des Aufruhrs. Und Spike Jonze und Arcade Fire erklärten in ihrem Kurzfilm Scenes from the Suburbs (2011) die ganze Ortschaft gleich zum Bürgerkriegsgebiet. Die Leinwand hat nur selten ein gutes Haar an den amerikanischen residential areas gelassen. Allenfalls in Serien wie Wunderbare Jahre werden sie ein wenig verklärt, aber selbst da nicht ohne Problematisierung und Politisierung. Es liegt ja auch irgendwie auf der Hand, den Schrecken dieser Orte hervorzukehren, die sich im kulturellen Gedächtnis irgendwo zwischen Traum (für die, die es nie dorthin schaffen) und Alptraum (für die, die dort gefangen sind) eingebrannt haben. Der irische Filmemacher Lorcan Finnegan geht in seinem Mysterythriller Vivarium (2019) noch einen Schritt weiter. In seiner Vision verwandeln sich die suburbs vom symbolischen ins wortwörtliche Gefängnis, und der Schrecken verbirgt sich nicht hinter den Fassaden, sondern ist Teil des Konzepts.

Weiterlesen

Die besten Fantasyfilme und Märchen der 70er Jahre II

Dass kitschige Naivität, Düsternis und gehobene Unterhaltung im Fantasykino der 1970er Jahre eng beieinander liegen, hatte ich bereits erwähnt. Das wird auch in dieser Retrospektive mehr als deutlich: Für die Naivität sorgen das Special FX Spektakel Caprona – Das vergessene Land sowie die erste Verfilmung der Superman-Comics, die als einzige wirklich sehenswerte Superheldenverfilmung in diesem Jahrzehnt etwas allein dasteht (bei den Märchen aber bestens aufgehoben ist). Für gehobene Sentimentalitäten sorgt die Astrid Lindgren Verfilmung Die Brüder Löwenherz, während Elliot das Schmunzelmonster die ebenso schöne aber deutlich bonbonsüßere Disneyunterhaltung vertritt. Und dann haben wir noch die düstere Wildcard in Form des unheimlichen Filmmonsters Jabberwocky, zusätzlich der Beweis dafür, dass Ex-Monty-Python Terry Gilliam deutlich mehr drauf hat als absurde Komödien. Viel Spaß.

Weiterlesen

Es ist schwer ein Gott zu sein (2013) von Alexei German – Meisterwerk mit Überwältigungsstrategie

Acht Jahre Dreharbeiten, fünf Jahre Schnitt, der Wunsch etwas Episches zu erschaffen, permanent konfrontiert mit dem Unvollständigen. Es ist schwer vorstellbar, was im russischen Regisseur Alexei German vorgegangen sein muss, während er versuchte, Es ist schwer ein Gott zu sein (2013) als sehr freie Verfilmung des 60er Jahre Science Fiction Romans von Arkadi und Boris Strugazki zum Leben zu erwecken. Für German sollte es leider kein Happy End dieses schweren und langwierigen Schaffensprozess geben. Er starb vor der Vollendung des Werkes. Diese bittere Note dieses mühsamen Schaffensprozesses lässt sich nicht ignorieren, auch wenn das Kunstwerk – im Gegensatz zu seinem Künstler – doch noch ein Happy End erhalten sollte. Germans Sohn – ebenfalls Filmemacher – griff sich den Film, irgendwo im Zustand zwischen „eigentlich seit Jahren fertig“ und „überambitioniertes Fragment“, und machte einen finalen Schnitt. Fast drei Stunden ist das daraus entstandene Werk lang, und jeder einzelnen Sekunde, jedem Bild, jedem Geräusch sieht man den entbehrungsreichen Schaffensprozess an. Трудно быть богом ist ein Monstrum von einem Film. Der Titel wirkt dabei schon fast prophetisch: Denn in all seinem Größenwahn, in seiner schmutzigen Opulenz, in seinem Mäandern zwischen Experimentalfilm und Epos ist die filmische Dekonstruktion des literarischen Bastards aus Science Fiction und Mittelalterdokument vor allem eine große Demonstration eines zu Viels, eines Determinismus zum Scheitern, der gegen alle Erwartungen nur als Erfolg verbucht werden kann.

Weiterlesen

Die besten Fantasyfilme und Märchen der 70er Jahre I

Willkommen in den 70er Jahren und damit auch wieder einer mitunter vollkommen anderen Art von Film als in den letzten Fantasyretrospektiven. Die 70er sind im Fantasygenre so etwas wie das letzte unschuldige Jahrzehnt. Ja, die naiven Kitschstreifen, die einfachen Märchen, die bunten Wundertüten gab es auch noch in den 80ern, aber in den 80ern gab es auch die großen neuen Blockbuster, die epischen Düsterwerke, die dunklen Dekonstruktionen des Genres. Von diesen sind die Jahre zwischen 1970 und 1979 weit entfernt. Stattdessen darf das fantastische Kino einfach nur verträumt sein… und musikalisch, wie zum Beispiel Die tollkühne Hexe in ihrem fliegenden Bett, die ein wenig auch die Marry Poppins dieser Dekade ist, oder Scrooge, der nach wie vor zu den schönsten und traditionellsten Charles Dickens Verfilmungen gehört, oder auch die Roald Dahl Verfilmung Charlie und die Schokoladenfabrik, deren deutschen Variante aber unverständlicherweise viele Gesangsnummern zum Opfer fielen. Zwei weitere große Themen des Jahrzehnts sind zum einen die Verfilmungen traditioneller Märchen aus dem osteuropäischen Raum, hier vertreten mit Drei Haselnüsse für Aschenbrödel, sowie ein äußerst kreativer Umgang mit den damals logischerweise noch nicht so ausgeprägten Special FX Möglichkeiten, wahrscheinlich mit am beeindruckendsten in Sindbads gefährliche Abenteuer zu sehen. Es war eine schöne Zeit, es war eine unschuldige Zeit, eine Zeit in der im fantastischen Film noch vieles anders war als heute.

Weiterlesen

1917 (2019) von Sam Mendes – Krieg als One Shot Poesie

Irgendwo an der Nordfront Frankreichs, irgendwann während des Ersten Weltkriegs. Zwei britische Soldaten liegen unter einem Baum und schlafen. Die kurze Verschnaufspause wird jedoch jäh gestört, als die beiden einen wichtigen Botenbefehl erhalten, der sie über die (vermeintlich vor kurzem geräumten) deutschen, feindlichen Linien führen soll. Wir folgen den beiden Soldaten, sind dicht bei ihnen, während sie sich durch den engen Schützengraben ihren Weg bahnen. Vorbei an anderen schlafenden, lesenden, rauchenden Soldaten, die auf ihren nächsten Befehl warten. Es ist eng und stickig. Schließlich gelangen die beiden zu einem der wenigen Durchgänge nach oben, klettern am Stacheldraht vorbei und schließlich auf das zuvor umkämpfte Schlachtfeld. Die Kamera fährt hinauf, und die eben erlebte Klaustrophobie macht einer erstaunlichen breiten Leere platz. Nie zuvor ist es einem Film gelungen, derart beeindruckend das Gefühl des Schützengrabens, des Stellungskrieges und der schieren Dimension eines Schlachtfeldes während des ersten Weltkriegs auf die Leinwand zu bringen. Die ersten fünfzehn Minuten von 1917 (2019) sind ein atemberaubendes, visuelles Erlebnis. Einer von jenen Filmmomenten, die einem glatt die Sprache verschlagen, eine erschlagende Demonstration der Ausmaße des Stellungskrieges und zugleich eine erschlagende Demonstration großen filmischen Handwerks. Und das ist erst der Anfang: Regisseur Sam Mendes (American Beauty) erzählt seine Vision des ersten Weltkrieges als Epos einfacher Soldaten und denkt dabei gar nicht daran von ihnen zu weichen, im wahrsten Sinne des Wortes.

Weiterlesen

Ein Experimentalist als Actionregisseur – Free Fire (2016) von Ben Wheatley

Ben Wheatley ist ein Biest. Und er ist dafür bekannt, alles andere als mainstreamtauglich zu sein. Das liegt vor allem daran, dass er sich für gewöhnlich Genres und Sujets greift, die eigentlich viel zu groß für sein übliches Budget sind, und diese auf ganz eigensinnige Art und Weise erzählt. So zertrümmert er das Historienepos mit seinem klaustrophobischem Irrritt A Field in England (2013), verwebt einen Auftragskillerfilm mit Elementen des Post Horror in Kill List (2011) oder macht aus der Science Fiction Dystopie High-Rise (2015) ein bizarres Sittengemälde, in dem eine klinische Sterilität peu à peu apokalyptischem Wahnsinn weicht. Letzterer spielt wie die Romanvorlage in den 70ern und dieses Jahrzehnt scheint es dem Regisseur angetan zu haben. Denn auch sein jüngster Streich Free Fire (2016) spielt in der Dekade nach dem Sommer der Liebe. Dieses Mal hat sich Ben Wheatley ausgerechnet das Action- und Ganovenkino als Plateau für seine Spielereien ausgesucht, ein Genre, das nicht unbedingt dazu prädestiniert scheint, durch den experimentellen Wheatley-Fleischwolf gedreht zu werden. Aber für Überraschungen war das Biest Wheatley schon immer gut…

Weiterlesen

Surrealismus lebt! – Reality (2014) von Quentin „Mr. Oizo“ Dupieux

Ein gelbes Kuscheltier namens Flat Eric sitzt in einem pittoresken Büro am Telefon und grunzt irgendwas in den Hörer. Schließlich legt er eine Platte auf und die Flat Beats legen los. Wir schreiben das Jahr 1999 und Flat Beat von Mr. Oizo ist der heißeste Scheiß. Selbst Leute, die mit Techno nichts anfangen können sympathisieren mit dieser Kunstfigur, die unter dumpfen elektronischen Klängen Verträge mit roten Kritzeleien signiert, Würstchen inhaliert als wären sie Zigarren, mit der Computertastatur im Rhythmus klackert und anscheinend in der ganzen Welt herumtelefoniert, um seine Musik zu promoten. Dass der erfolgreiche Videoclip Inspiration für zahllose nervige Musikvideos der frühen 2000er wie Crazy Frog sein würde, konnte damals ja noch niemand ahnen und ist dem Musiker und Regisseur Quentin Dupieux aka Mr. Oizo kaum vorzuwerfen. Aber dieser kurze und prägnante Videoclip verrät schon viel über den französischen Experimentalisten, der spätestens mit dem verqueren selbstreferenziellen Horrorstreifen Rubber (2010) einige Berühmtheit in der obskuren Filmecke erlangen sollte. Und was verrät es? Monsieur Dupieux will Spaß haben. Wenn unterwegs dabei noch Kunst herauskommt, umso besser. Und so viel Spaß wie bei seiner Bizarrerie Reality (2014) hatte der französische Multikünstler wahrscheinlich noch nie.

Weiterlesen

Bohemian Rhapsody (2018) – Wie viel Fiktion verträgt die Realität?

Is this the real life? Is this just fantasy? Caught in a landslide, no escape from reality.

Es gibt nur wenige Bands oder Künstler*innen, auf die sich die Fans verschiedenster Genre einigen können, Bands denen anscheinend fast alle mit Wohlwollen begegnen. Queen ist eine dieser Bands: Egal ob Metal-Enthusiast, Popper, Prog- oder Classic-Rock-Guy, bei dieser Band findet jeder einen Song, zu dem er sich hingezogen fühlen kann. Und es dürfte wohl kaum jemanden geben, der der Band ihre Relevanz in der Musikgeschichte abspräche. Dass ist umso erstaunlicher, da Queen als Konsensband sich im Laufe ihrer Karriere nie als Konsensband verhalten hat. Dafür ist her royal majesty zu extravagant, zu schillernd, oft auch zu schräg und bombastisch. Und doch ist sie universal geliebt wie kaum eine Musikgruppe vor und nach ihr. Mit umso mehr Spannung und Vorfreude wurde daher die Verfilmung der musikalischen und persönlichen Laufbahn Queens und ihres Frontmanns Freddie Mercury, Bohemian Rhapsody (2018), von Publikums und Feuilleton erwartet. Nicht zuletzt auch wegen der Tatsache, dass es enorm viel zu der Band und ihren Mitgliedern zu erzählen gibt, und der damit verbundenen Frage, worauf der Film seinen Fokus setzen will, und ob er mit seiner Fokussierung dem Phänomen Queen gerecht wird.

Weiterlesen

Lupa of Wall Street – Rezension zu Hustlers (2019)

Es gehört in den letzten Jahren zum guten Ton der amerikanischen Rechten, sich über Filme zu beschweren, die ihrer Meinung nach zu woke, zu feministisch, zu liberal oder zu progressiv sind. Nachdem es 2019 bereits Captain Marvel erwischt hat, ist die aktuelle Sau, die durchs altright-Dorf getrieben wird Parasite beziehungsweise dessen in patriotischen Augen ungerechtfertigte Oscar-Auszeichnung. Ein Grund dafür dürfte nicht zuletzt die Tatsache sein, dass der Right Wing Darling Joker zumindest in dieser Kategorie bei den Oscars 2020 leer ausging. Anyway, bei so viel Aufregung ist die Abneigung der Konservativen und Rechten gegenüber Lorene Scafarias Hustlers (2019) fast ein wenig untergegangen. Aber sie war da, mit allem was dazu gehört: Leider auch inklusive hysterischer Wutvideos zweitklassiger rechter Vlogger, massenhaftem Downvoting bei IMDB und viel Gift und Galle, die versprüht wurden. Und wie immer gilt, man sollte sich von denen fernhalten, die alles erdenkliche tun, um einen Film – den sie mitunter gar nicht selbst gesehen haben – schlecht zu reden und in der Öffentlichkeit schlecht dastehen zu lassen (zumal die ironischerweise meistens die ersten sind, die laut „Cancel Culture!!!11Elf“ schreien, wenn ein von ihnen geliebtes Werk aus moralischen Gründen kritisiert wird), aber man sollte sich von den Schreihälsen zugleich nicht davon abhalten lassen, einen Film unbeeinflusst und auch kritisch zu rezipieren. Here we go again. Same old game, same old game.

Weiterlesen

Old French Extremity – Der 2018er Horrorfilm Ghostland von Pascal Laugier

Unternehmen wir eine kleine filmische Zeitreise: Nachdem das Horrorgenre in den 90ern ziemlich orientierungslos vor sich hin vegetierte, kam es in den frühen 2000ern umso beeindruckender zurück. Neben dem Revival des Zombiefilms waren dafür vor allem die Horrorfilme der New French Extremity verantwortlich, die mit düsteren, dystopischen Geschichten, einem Mehr an Gewalt und ihrer brutalen Unerbittlichkeit gegenüber dem Publikum dem Genre die damals so notwendige Vitalisierung verpassten. Einer der großen Filme dieser Gattung war Martyrs (2008), der nicht nur zu den besten Horrorfilmen des Jahrzehnts sondern zu den besten Horrorfilmen überhaupt gezählt werden kann. Regisseur Pascal Laugier profitierte jedoch wenig von der Anerkennung, die sein Meisterwerk von Publikum und Kritik erhielt. Seine Beauftragung für ein Hellraiser-Remake scheiterte daran, dass Laugier seine eigenes Ding durchziehen, sich nicht den amerikanischen Horrorkonventionen beugen wollte, und abgesehen von dem Direct-to-DVD-Produkt The Tall Man (2012) verschwand der damals so vielversprechende Regisseur in der Versenkung. Ganze zehn Jahre mussten nach Martyrs vergehen, bis Laugier wieder mit einem Horrorfilm von sich reden machen durfte: Ghostland (2018) wurde vor allem von den Genrefans wohlwollend aufgenommen und durfte sogar auf dem Festival international du film fantastique de Gérardmer ordentlich abräumen, bei dem ein Jahr zuvor das Genrebiest Raw (2016) für Aufmerksamkeit gesorgt hatte: Und das als kanadisch-französische Koproduktion, die allerdings viele Kompromisse für den amerikanischen Genremarkt eingeht. Weiß Laugier dennoch auch heute noch, in Zeiten von Post- und Slow Burning Horror zu begeistern?

Weiterlesen

Kopfschmerzen auf Zelluloid: Uncut Gems / Der schwarze Diamant (2019)

Es gibt Filme, die sind großartig inszeniert, großartig geschnitten, sie haben Tempo und der Regisseur erreicht genau das, was er erreichen will. Man kann sie für ihre Qualität respektieren, ihre Waghalsigkeit, ihren dramaturgischen Mut… und dennoch konstatieren, dass es eine einzige Qual ist, sie durchzustehen. Für viele Menschen sind das langsam erzählte, künstlerisch wertvolle und subjektiv unfassbar zähe Arthausfilme. Ich hatte damit nie ein Problem. Im Gegenteil, einen ruhig erzählten Film, der Längen aushält, kann ich genießen, gerade in der Langsamkeit (manche würden sagen Langatmigkeit) sehr viel Freude finden. Aber ich kann jeden verstehen, der keine Lust auf diese Art von Kino hat. Ich kann jeden verstehen, für den ein langsamer, zu langsamer Stil einfach nur ermüdend und quälend ist. Ich habe an dieser Stelle so weit ausgeholt, weil Uncut Gems / Der schwarze Diamant (2019) für mich genau in die Kategorie fällt: Ein Film, dessen Qualitäten ich erkenne und der dennoch eine einzige Qual für mich war, und zwar keine der guten Sorte. Und das liegt wahrscheinlich wiederum daran, weil er genau das Gegenteil von dem macht, was ich am Kino schätze: Er ist alles andere als langsam, alles andere als subtil. Er ist eine einzige laute, chaotische und hektische Irrfahrt, ein Test für die Nerven seines Publikums, und ich bin an diesem Test krachend gescheitert. Aber wie gesagt, ein schlechter Film ist dieses Thrillerdrama nicht, nur eben ein unerträglicher Film… zumindest für mich.

Weiterlesen

Die besten Filme 2019: Marriage Story von Noah Baumbach

Was macht man, wenn man Mitte der 2000er Jahre einen der besten Scheidungsfilme aller Zeiten gedreht hat? Zumindest Noah Baumbachs scheint die Antwort klar zu sein: Man wartet 15 Jahre, bis man Netflix‘ Budget und Unterstützung im Rücken hat, und dreht dann einen Film, der noch besser ist. Ja, das ist natürlich ein spekulativer Einstieg, scheint aber an der Stelle erst einmal die plausibelste Erklärung für dieses Meisterwerk von einem Film zu sein. Nach einigen Ausflügen ins Tragikomische, unter anderem in der Zusammenarbeit mit Greta Gerwig bei Frances Ha (2012) hat sich Noah Baumbach bei seinem neuesten Film Marriage Story (2019) voll und ganz dem Drama verschrieben. Ein irreführender Titel übrigens, denn wie bereits gesagt ist hier nicht viel von der Ehe zu sehen. Viel mehr müsste der Film konsequent Divorce Story heißen, steht doch die Scheidung zweier Menschen und das damit verbundene Drama ganz im Mittelpunkt der Geschichte. Noah Baumbach wäre aber nicht einer der besten Indie-Regisseure der beiden vergangenen Dekaden, wenn er nicht genau an diesem Punkt ansetzen und alles geben würde, gegen den Strich und jenseits von melodramatischen Klischees zu erzählen. Denn neben all dem Ballast einer Scheidung, der hier höchst realistisch durchexerziert wird, ist Marriage Story doch auf faszinierende Art und Weise auch eine Liebesgeschichte… und zwar womöglich eine der schönsten und traurigsten, die dieses Jahrzehnt vorzuweisen hat.

Weiterlesen

Die besten Kinderserien der 80er Jahre III

Einen haben wir noch: In der letzten Kinderserien-Retrospektive begegnen wir mainstreamtauglichem ebenso wie Schrägem und sogar Surrealem. Aus Deutschland überrennt uns eine auf Kinderaugen perfekt zugeschnittene Bizarrerie mit Hals über Kopf, anschließend lassen wir uns von eigentlich so gar nicht ins Kinderprogramm passendem Symbolismus im Anderland verzaubern. Etwas traditioneller und bunter geht es bei den Amerikanern mit Inspector Gadget und den Muppet Babies zu. Und irgendwo dazwischen (und zugleich komplett ab vom Schuss) bewegt sich das herrlich naive Fantasypanorama Doctor Snuggles. Und wenn wir damit durch sind, können wir uns endlich der erwachsenen TV-Unterhaltung der 80er Jahre widmen. Und diese ist ebenfalls – wie das Kinderprogramm – deutlich abwechslungsreicher und qualitativ hochwertiger als gemeinhin erinnert wird.

Weiterlesen

Zwischen Thriller und Drama: Galveston – Die Hölle ist ein Paradies (2018)

Südöstlich von der texanischen Hauptstadt Austin, am Golf von Mexiko, liegt das Strand- und Naherholungsgebiet Galveston. Im 19. Jahrhundert war die auf einer Insel liegende Stadt noch einer der wichtigsten ökonomischen Knotenpunkte des Bundesstaates, zeitweise sogar die größte Stadt in Texas. Spätestens durch die Öffnung der Schifffahrtswege nach Houston zu Beginn des 20. Jahrhunderts verlor Galveston jedoch seine wirtschaftliche und gesellschaftliche Bedeutung. Heutzutage sind sowohl Galveston County und Galveston City als auch Galveston Island primär als Naherholungsgebiete am Wasser für die Einwohner des südöstlichen Texas‘ von Bedeutung. Durch die Lage am Meer ist Galveston auch immer potentiell von Hurrikanen bedroht, der berüchtigtste schlug 1900 zu, der letzte große – Ike – 2008. Nicht nur deswegen liegen an diesem Ort Hölle und Paradies dicht beinander. Über ein Fünftel der Bevölkerung gilt als arm, bei den Kindern sind es sogar mehr als 30%. Galveston ist auch ein Ort der Gestrandeten, der Ausgestoßenen, manchmal auch der Geflohenen aus den großen Städten Houston, San Antonio und Austin. In ihrem Thrillerdrama Galveston – Die Hölle ist ein Paradies (2018) betrachtet Mélanie Laurent genau jene Geflohenen, die hoffen, in Galveston eine Art Paradies zu finden, die Hölle jedoch im Gepäck haben.

Weiterlesen

Die besten Filme 2018: Capernaum – Stadt der Hoffnung

„Was aber das Leben des Einzelnen betrifft, so ist jede Lebensgeschichte eine Leidensgeschichte: denn jeder Lebenslauf ist, in der Regel, eine fortgesetzte Reihe großer und kleiner Unfälle, die zwar jeder möglichst verbirgt, weil er weiß, daß andere selten Teilnahme oder Mitleid, fast immer aber Befriedigung durch die Vorstellung der Plagen, von denen sie gerade jetzt verschont sind, dabei empfinden müssen; — aber vielleicht wird nie ein Mensch, am Ende seines Lebens, wenn er besonnen und zugleich aufrichtig ist, wünschen, es nochmals durchzumachen, sondern, eher als das, viel lieber gänzliches Nichtsein erwählen.“

Arthur Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung

Man kann dem philosophischem Pessimismus vieles Nachsagen: Dass er ein frühes Dekadenzphänomen der verwöhnten, westlichen Philosophie ist. Dass er einem romantischem Überdruss entspringt, dass er vor allem eine Philosophie der Larmoyanz ist, dass er mit kitschiger Koketterie einhergeht, die sich von Schopenhauer über Nietzsche und Spengler bis zum Emorock des 21. Jahrhunderts viel zu hartnäckig in Philosophie, Kunst und Kultur eingenistet hat. Wenn man aber den westlichen Blick auf diese (zugegeben sehr westliche) Philosophie beiseite schiebt, kommt man nicht umhin festzustellen, dass der Pessimismus einen Punkt hat. Und das nicht nur damals sondern auch heute: Das Leben als Leiden, das Leben als Jammertal, das Leben als Seinszustand, der besser nie stattgefunden hätte, mag aus dem Mund eines wohlständigen Europäers bizarr klingen, in anderen Regionen der Welt kann es jedoch ganz anders aussehen, so zum Beispiel im Libanon, der erst kürzlich wieder von einer verheerenden Katastrophe heimgesucht wurde.

Weiterlesen

A Prayer Before Dawn (2017) – Gefängnisdrama, Post-Actioneer, Anti-Sportfilm

Der Gefängnisfilm hat viele Gesichter. Exploitation und Sexploitation mal beiseite gelassen (Ja, ich schaue auf euch 70er) ist in dem Genre – wenn es denn überhaupt ein genuines Genre ist – so einiges möglich: Heist-Thriller, Survival-Action, pathetisches Drama, Realistisches und Dokumentarisches, ja sogar spitzbübische Comedy lässt sich hinter Gittern inszenieren. Die Schnittmengen zwischen den einzelnen Genre-Interpretationen halten sich dabei meistens in Grenzen. Wenn ein Film hinter Gittern den rauen Knastalltag realistisch darstellen soll, kommt es meistens einfach nicht gut, wenn er plumpe Actionsequenzen dazwischen wirft. Wenn ein Film mit großem Pathos das menschliche Drama in der Gefangenschaft sezieren will, wirkt es einfach unangemessen, wenn dieser plötzlich mit Humor aufgebrochen wird. Von einigen wenigen Genre-Querhüpfern wie der Serie Orange Is The New Black abgesehen, sind Gefängnisfilme meistens straight forward, entweder in dem einen oder dem anderen Bereich zu Hause. A Prayer Before Dawn (2017) versucht sich wie so viele seiner Kollegen ebenfalls nicht an einem Genrespagat, und dennoch ist er in seiner Gesamtheit deutlich holistischer als viele andere Filme seiner Art, und das obwohl sein Hintergrund, die realen Erlebnisse des Briten Billy Moore in einem thailändischen Gefängnis, dies keineswegs zwingend hergibt.

Weiterlesen

Die besten Kinderserien der 80er Jahre II

Im Gegensatz zur ersten 80er Kinderserien-Retrospektive wird es dieses Mal deutlich weniger pädagogisch und deutlich stärker auf Unterhaltung ausgerichtet. Außerdem – was ich in der ersten Retrospektive vergessen habe – sei noch angemerkt, dass einige der hier genannten Serien zumindest in Deutschland erst in den 90er Jahren groß rezipiert wurden. Für eine Einordnung in der 80er Dekade soll in dieser wie auch in anderen Listen der Produktionszeitraum entscheidend sein: Und dabei gilt, je zentraler dieser in den 80er Jahren liegt, um so mehr ist die entsprechende Serie prädestiniert dort eingeordnet zu werden. Daher werden hier auch manche Serien fehlen, die bereits in den 70er Jahren mehr als relevant waren (z.B. die Sesamstraße), ebenso wie Serien, die zwar in den späten 80ern zum ersten Mal auf die Öffentlichkeit losgelassen wurden, aber erst in den 90ern zu voller Blüte kamen (z.B. die Simpsons). Und damit genug der allgemeinen Vorworte. In diesem Teil begegnen wir tollen japanischen Fußballstars rund um Captain Tsubasa, Zeitreisenden, Gummibären, zwei wilden Knetfiguren und einem aufgeweckten Radiomoderatoren in Runddorf.

Weiterlesen

Zwei Seelen – Rezension zum SciFi-Drama Jonathan (2018)

Es gibt wenige Tropes, die im Mystery-Kino des frühen 21. Jahrhunderts derart überholt und übernutzt wirken wie das der gespaltenen Persönlichkeit. Fernab der Realität der tatsächlichen Erkrankung der dissoziativen Identitätsstörung haben sich zahllose Filmemacher seit Ende der 90er bei diesem Sujet bedient und es viel zu oft für plumpe Plottwists oder an den Haaren herbeigezogene Narrative benutzt. Was bereits in Fight Club leidlich originell war – bei diesem Film aber Dank der Abstraktheit in der Umsetzung noch als Gesellschaftskritik gut funktioniert -, ist bei all den geheimen Fenstern, Identitäten, High Tensions und Maschinisten da draußen einfach nur noch lahm. Vor allem als Plottwist mag man diesen Schmuh heutzutage nicht mehr sehen, einfach weil man ihn schon viel zu oft gesehen hat. Da kommt es doch sehr erfrischend, wenn sich ein Film nicht daran versucht, die breitgetretenen Mysterypfade dieses Topois erneut zu durchqueren und sich sowohl von dessen Funktionalisierung als bloßes Plottwist-Vehikel als auch dem Versuch, in der realen Psychiatrie und Psychologie dieser Erkrankung zu wildern, distanziert. So geschehen im Science Fiction Drama Jonathan (2018), in dessen Zentrum zwar eine gespaltene Persönlichkeit steht, der diese aber nicht für plumpen Mystery-Hokuspokus missbraucht, und auch gar nicht erst versucht an die tatsächliche Krankheit Dissociative Identity Disorder anzuknüpfen.

Weiterlesen

Die besten Kinderserien der 80er Jahre I

Zu Beginn der 80er-Zusammenstellung bin ich noch fest davon ausgegangen, dass ich spätestens im TV-Bereich an meine Grenzen stoßen würde. Schlicht und ergreifend, weil die TV-Landschaft der 80er Jahre so antiquiert wirkt im Vergleich zu den großen TV- und Streamingserien unserer Zeit. Braucht man wirklich noch Dallas, wenn man House of Cards haben kann, das A-Team in Zeiten von Breaking Bad oder Fantasy Island in einer Welt, in der Game of Thrones existiert? Oh, wie sehr habe ich mich geirrt! Ich bin nunmal ein Kind der frühen 80er Jahre und dementsprechend wurde ich als Kind vor allem in den 80ern TV-sozialisiert. Und was gibt es in dieser Zeit an großartigen Serien für ein jüngeres Publikum zu entdecken! Wie gesagt, diese Zeit hat mich fernsehtechnisch stark geprägt, aber es ist nicht nur die Nostalgie, die die folgenden Serien auszeichnet: Gerade für Kinder- und Familienunterhaltung waren die TV-80er eine glorreiche Epoche. Eine Zeit in der Kinderserien noch nicht reine Cash Cows waren, eine Zeit, in der sich Produzent*innen noch wirklich Gedanken um gute Fernsehunterhaltung für Kinder machten, eine Zeit, in der das Fernsehen für die ganze Familie experimentierfreudig, mutig und magisch war. Daher sollen die ersten 80er Serienretrospektiven auch einem jüngeren Publikum gewidmet sein. Zweifellos, die Nostalgie spielt hier mit rein, ich habe aber bewusst Serien ausgewählt, die auch heute noch funktionieren, die ich auch heute noch meinem Kind zeigen würde: Sprich, keine He-Man, Lone-Star, Ninja Turtles, kein plumpes Actionprogramm zur Ankurbelung des Spielzeugverkaufs. Aber auch nicht bloße pädagogische Fingerübungen. Stattdessen eine gute Mischung aus Wertvollem und Unterhaltsamem, aus Albernem und Mitreißendem. Hier ist der erste Teil einer längeren Serienretrospektive mit dem Schwerpunkt auf Kinder- und Familienunterhaltung. Let’s go.

Weiterlesen

Die besten Dramen der 80er Jahre III

Mensch, jetzt muss ich ja doch drüber nachdenken, ob ich so einiges in den 80er Jahren verpasst habe. Gerade mal drei lausige Artikel zu dem Genre, das ich wahrscheinlich als mein Liebelingsgenre bezeichnen würde. Möglichkeit 1: Als in den frühen 80er Jahren Geborener hatte ich einfach noch nicht genug Zeit, die ganzen verborgenen Perlen des dramatischen Kinos dieser Zeit nachzuholen. Möglichkeit 2: Die 80er Jahre waren einfach kein so dolles Jahrzehnt für diese Art von Film. Für die zweite Erklärung spricht die Tatsache, dass ich gerade die 70er Listen zusammenstelle und es dort definitiv mehr starke Dramen zu finden gibt als in der folgenden Dekade. Anyway, ich habe bestimmt das ein oder andere Meisterwerk vergessen und freue mich sehr darüber, wenn es mir in den Kommentaren nahegelegt wird. Bis dahin folgt hier die letzte größere Mussmansehen-Liste der Epoche. Dieses Mal mit Steven Spielberg in Die Farbe Lila auf (zumindest damals) ungewohnt ernsten Pfaden und Rainer Werner Fassbinder mit seinem Spätwerk Lola. Außerdem eine faszinierende Umsetzung von Klaus Manns Roman Mephisto, Ann Huis kontrovers rezipiertes Meisterwerk des Hong Kong Kinos Boat People und Ingmar Bergmanns letzter großer Kinofilm Fanny und Alexander.

Weiterlesen

Die besten Dramen der 80er Jahre II

In der letzten 80er Dramen-Retrospektive habe ich es bereits erwähnt: Die Gefühle, die in Dramen vermittelt werden, können ebenso vielfältig sein wie die Motive, mit denen sich die Filme beschäftigen. Das Genre – wenn es denn überhaupt ein eigenständige Genre ist und sich zu anderen Filmgenres nicht viel eher verhält wie schwarz und weiß zu bunten Farben – erlaubt vieles und ist daher nie so ganz zu greifen. Daher darf auch in dieser Liste ein nostalgischer Feel Good Movie wie Cinema Paradiso neben einer depressiven fast schon dystopischen Tragödie wie Verdammnis auftauchen. Deshalb kann ein Thema wie eine ungewöhnliche, erschreckende äußere Erscheinung warmherzig und farbenfroh behandelt werden wie in Die Maske oder eben auch elegisch und melodramatisch wie in Der Elefantenmensch. Deshalb darf ein Loblied auf das Leben und den Genuss – Babettes Fest – neben einer Auseinandersetzung mit der Trostlosigkeit des Lebens am Rande der Gesellschaft stehen. Vielleicht ist es auch das, was das Genre des Dramas so auszeichnet: Nirgendwo sonst zeigt sich, innerhalb eines einzelnen Films und über dessen Grenzen hinweg im Zusammenspiel mit anderen Filmen, die Ambivalenz des Lebens und der Welt so gut wie in diesem Nicht-Genre. Begrüßen wir sie mit offenen Augen:

Weiterlesen

Die besten Dramen der 80er Jahre I

Wir nähern uns dem Ende der 80er Jahre Retrospektive. Und wie auch bei den zuvor untersuchten Jahrzehnten werfen wir einen Blick auf das Schwergewichtsgenre, und zugleich das Genre, in das alles gepackt werden kann, was sonst kein so richtiges Zuhause findet. Im ersten Teil werfen wir einen Blick auf Die Unzertrennlichen und David Cronenberg in ungewohnten Gefilden, aber dann doch mit seinen klassischen Trademarks. Wir untersuchen Den Zufall möglicherweise, schauen im Club der toten Dichter vorbei, signieren Das letzte Testament, erleben einen letzten unschuldigen Sommer in Stand by me und blicken mit Ariel auf den Kampf der untersten Klassen ums Überleben. Wie immer in diesem Genre sind die Themen vielfältig wie die Erzählhaltung: Von düster über tragisch, von nostalgisch über akademisch, vom großen Optimismus bis zum verzweifelten Pessimismus ist alles drin.

Weiterlesen

Die besten Tragikomödien der 80er Jahre IV

So. Ein Lächeln mit einer Träne gibt es noch, bevor wir zu den Dramen-Schwergewichten weiterziehen. Im letzten Teil der tragikomischen 80er Retrospektive blicken wir auf ein Frühwerk Jim Jarmuschs mit Down by Law und auf viele Werke von Regisseuren in ihrer mittleren Schaffensphase: Peter Greenaway hatte sich bereits vor Der Koch der Dieb seine Frau und ihr Liebhaber in der unabhängigen Filmszene einen Namen gemacht, diesem exzentrischen Glanzstück sollten jedoch noch viele weitere folgen, auch Jonathan Demme war bereits vor Gefährliche Freundin ein Regieveteran, sollte jedoch erst in den 90ern mit Das Schweigen der Lämmer größeren Ruhm ernten. Mike Nichols‘ Karriere reicht gar bis in die 60er Jahre zurück, aber auch diese Filmikone war mit Sodbrennen noch lange nicht an ihrem Ende angelangt. Und Barry Levinson changierte schon damals zwischen Kritikerdarling und Kritikerspotttölpel, und schuf mit Rain Man wohl einen Film, der beide Seiten der Medaille recht gut hervorblitzen ließ. Die besten Tragikomödien der 80er Jahre, auf zur letzten Runde.

Weiterlesen